Schneller, als die Polizei erlaubt

Das Kennzeichen verrät: Fahrradhändler Christian Sarges hat hier ein S-Pedelec in der Hand. Im Gegensatz zum zulassungsfreien E-Bike regelt der elektrische Hilfsmotor nicht bei 25 km/h ab – das Rad gilt als Kraftfahrzeug und braucht ein Kennzeichen, zudem gilt Helmpflicht.   Foto: Reeber

Beim Stadtradeln sind alle gleich: Die Teilnehmer, die mit reiner Muskelkraft in die Pedale treten, und diejenigen mit Motorunterstützung. Nur eines gilt als Foul: Das Rad zu...

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WETZLAR. Beim Stadtradeln sind alle gleich: Die Teilnehmer, die mit reiner Muskelkraft in die Pedale treten, und diejenigen mit Motorunterstützung. Nur eines gilt als Foul: Das Rad zu frisieren.

Tuning fürs Fahrrad? Zweiradhändler Christian Sarges aus Wetzlar kennt sich aus. Er distanziert sich ausdrücklich von dieser Art der Manipulation und schickt Kunden weg, die danach fragen. Aber: Als Fachmann kann er erklären, wie das Ganze funktioniert.

Was landläufig als E-Bike bekannt ist, heiß;t korrekt Pedelec und ist ein Fahrrad mit Elektromotor, der bis maximal Tempo 25 unterstützt. Überwacht wird der Motor von einem Sensor, der Impulse des Rades verarbeitet. Manipuliert man den Sensor so, dass er nur jeden zweiten Impuls registriert, geht die Elektronik des Rades vom halben Tempo aus, erklärt der Fachmann. Theoretisch liefert der Motor also bis Tempo 50 Unterstützung, weil die Elektronik davon ausgeht, dass man nur halb so schnell unterwegs ist.

Alle Räder mit Motoren, die nicht bei 25 Kilometern pro Stunde abregeln, zählen als Kraftfahrzeuge

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Der Haken bei der Sache: Das ist nicht legal. "Es handelt es sich um einen Verstoß; gegen das Pflichtversicherungsgesetz", sagt Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen.

Denn alle Räder mit Motoren, die nicht bei 25 Kilometern pro Stunde abregeln, zählen als Kraftfahrzeuge, als sogenannte S-Pedelecs. Sie benötigten ein Versicherungskennzeichen. Der Betrieb setzt zudem eine Fahrerlaubnis voraus.

Auß;erdem muss der Fahrer einen Helm tragen und zwingend die Straß;e benutzen. Auf Radwege dürfen S-Pedelecs nicht. Wer also sein zulassungsfreies Pedelec auf über 25 km/h tunt, ohne sich an die Vorgaben zu halten, und dann erwischt wird, hat ein Problem. "Wir geben das direkt weiter an die Staatsanwaltschaft", sagt Reinemer. Gibt es also bald Radarfallen auf den Radwegen? Das wohl nicht. Die Polizei werde aber verstärkt ein Augenmerk auf die Elektrofahrräder richten, sagt der Pressesprecher. Um Manipulationen erkennen zu können, seien bereits Kollegen geschult worden.

Etwa 30 Prozent der Pedelecs, schätzt Zweiradhändler Thorsten Heinz aus Wetzlar, sind getunt. Zwar bietet auch Heinz kein Tuning an. "Ich will damit nichts zu tun haben", sagt er. Aber: Danach gefragt werde er fast täglich. Und wenn Kunden ihr Rad zur Wartung bringen, sei es relativ leicht, ein getuntes Bike zu erkennen.

Heinz vermutet, dass die Besitzer ihre Räder entweder selbst tunen oder sich einen Schrauber mit weniger Skrupeln suchen. Denn im Internet werden die Tuningsets offen angeboten. Hersteller und Händler versprechen "Fahrspaß; bis 50 km/h!" Und "das so elegant, dass Sie bei einigen Tuninglösungen mit wenigen Handgriffen Ihr Elektrofahrrad wieder konform zur Straß;enverkehrsordnung umbauen können!"

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Abgesehen von möglichen juristischen Konsequenzen hat das Tuning weitere Folgen: Die Garantie ist futsch

Abgesehen von möglichen juristischen Konsequenzen hat das Tuning weitere Folgen: Die Garantie ist futsch. Moderne Pedelecs speichern viele Daten, erklären Heinz und Sarges. Die Hersteller könnten dann eben auch auslesen, welche Leistung der Motor geliefert habe.

Wer trotzdem mehr Elektro-Unterstützung will, weil er zum Beispiel lange Wege fährt, der kann sich einfach ein reguläres S-Pedelec im Fahrradhandel kaufen. Der Vorteil: Bremsen, Elektronik und Rahmen sind für das höhere Tempo bereits ausgelegt und es gibt keine Probleme mit der Garantie. Und auch nicht mit der Polizei. (hk/pre)