Nauborner unterstützen Flüchtlinge bei Alltagsfragen

Marie Reiners liest am 23. Oktober in Wiesbaden. Foto: Monta

"Hallo Jonny. Gratulation zum Führerschein." Der 33-jährige Syrer strahlt. Zum Flüchtlingscafé in Nauborn kommt er heute mit Fragen zur Autoversicherung. Er hat...

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WETZLAR-NAUBORN. "Hallo Jonny. Gratulation zum Führerschein." Der 33-jährige Syrer strahlt. Zum Flüchtlingscafé in Nauborn kommt er heute mit Fragen zur Autoversicherung. Er hat ein Auto gekauft.

Jonny wohnt seit knapp vier Jahren im Wetzlarer Stadtteil, er macht derzeit eine Ausbildung zum Elektriker. Zwei seiner Brüder leben in Waldgirmes, die anderen Geschwister in Schweden. Der Elektriker spricht bereits fließ;end Deutsch und dolmetscht regelmäß;ig beim Treff im Evangelischen Gemeindehaus. "Das Flüchtlingscafé ist ein zentraler Treffpunkt in Nauborn. Seit zwei Jahren laden wir Flüchtlinge ein, die bei uns leben, und versuchen gemeinsam, Fragen des Alltags zu klären", sagt Pfarrerin Hildegard Twittenhoff.

Sie hatte den Treff 2016 initiiert und über den Gemeindebrief zum zunächst wöchentlichen, heute 14-tägigen Treff eingeladen. "Wir sind auch von Haus zu Haus gegangen und haben Zettel in der jeweiligen Muttersprache der Flüchtlinge verteilt", erzählt sie.

Im Nebenraum üben Ehrenamtliche mit Flüchtlingen das Bestellen im Restaurant – im Rollenspiel

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Von Anfang an sei das Interesse groß; gewesen: Zwischen fünf und 30 Frauen und Männer aus Afghanistan, Eritrea, Syrien und dem Südsudan waren und sind dabei, tauschen sich aus, klären rechtliche Fragen zum Aufenthaltsrecht. Derzeit leben rund 120 Flüchtlinge in Nauborn. "Jeder bringt bei den Treffen sein Wissen mit ein. Gemeinsam fällt alles leichter", berichtet Twittenhoff.

Tedros aus Eritrea hat eine Frage an Martina Brüggen, ehrenamtlich Engagierte bei der Flüchtlingshilfe. "Wir helfen uns mit Händen und Füß;en. Ich kann kein Eritreisch, er kein Deutsch oder Englisch. Jetzt übersetzen wir mit Hilfe des Laptops", erzählt sie und lacht.

Etwas abseits im Raum sitzt Brigitte Rapelius mit Zakaria. Sie pauken für die Schule. Zakaria aus Afghanistan macht gerade seinen Hauptschulabschluss. Brigitte Rapelius und ihr Mann Robert helfen regelmäß;ig bei Behördengängen. "Es dauert sehr lange, bis Arbeitswillige endlich arbeiten dürfen", erzählt Robert Rapelius. Derzeit hilft er Mohammed aus dem afghanischen Kabul. Der 28-Jährige will eine Ausbildung machen, um mit eigenem Geld weitere Deutschkurse zu finanzieren. Dazu wollen sie natürlich auch Kontakte zu heimischen Firmen nutzen.

Im Nebenraum üben Ehrenamtliche mit Flüchtlingen das Bestellen im Restaurant – im Rollenspiel. Auch Lea Heissenberg (20) hilft beim Deutschlernen. "Wir wollen den Menschen beim Ankommen helfen. Das macht sehr viel Spaß; und ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun", sagt sie. Gleichzeitig bekomme man auch viel zurück: "Einmal haben hier alle für uns gekocht, das war ein herrliches kulinarisches Durcheinander. Und total lecker", schwärmt sie.

Jüngere Flüchtlinge werden auch psychosozial betreut. "Wir wollen sie für unser hiesiges Schulsystem motivieren und versuchen ihnen zu vermitteln, wie wichtig Abschlüsse bei uns in Deutschland sind", erklärt Brüggen, die von den afghanischen Männern auch liebevoll "Mama Martina genannt" wird. "Die schönsten Rückmeldungen sind natürlich die, wenn die Menschen selbstständig sind – und trotzdem wiederkommen", sagt Twittenhoff. Sie erklärt gerade die Rechnung eines Energieversorgers. Und Jonny übersetzt auf Syrisch.

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Sie wollen sich ebenfalls in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich engagieren? Dann melden Sie sich doch bei Hildegard Twittenhoff unter (0 64 41) 22 102.