Drei Musiker, drei Leben

Marie Fredriksson/Helena von Zweigbergk: Listen to my heart/Meine Liebe zum Leben  Foto: Ohlwein

WETZLAR Noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken für Musikbegeisterte? Wir haben drei Tipps zusammengestellt - lesenswerte Autobiografien bekannter Musiker, die von Licht...

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. WETZLAR Noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken für Musikbegeisterte? Wir haben drei Buchtipps zusammengestellt - lesenswerte Autobiografien bekannter Musiker, die von Licht und Schatten erzählen.

Marie Fredriksson/Helena von Zweigbergk: Listen to my heart/Meine Liebe zum Leben

Marie Fredriksson hat etwas zu erzählen. Wer die Roxette-Sängerin in den vergangenen Jahren bei Konzerten auf der Bühne erlebt hat, sah vor allem vier Dinge: Kampf, Lust, Sieg, Niederlage. Und wer das Leben der 58-Jährigen nicht intensiv verfolgt hat, durfte sich wundern: Was ist mit dieser Frau in den letzten Jahren passiert? Genau diese Geschichte hat die Schwedin in ihrer neuen Biografie "Listen to my heart. Meine Liebe zum Leben" mit der Autorin Helena von Zweigbergk aufgeschrieben. Das Buch ist am 21. November erschienen.

2002 wurde bei Fredriksson ein Gehirntumor diagnostiziert, ihr Leben veränderte sich innerhalb weniger Augenblicke. Und weil sie selbst seitdem nicht mehr viel und nicht mehr gut schreiben kann, hat Zweigbergk das übernommen.

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Das Buch ist in zwei wesentliche Abschnitte unterteilt: In einem Teil berichtet Zweigbergk von Besuchen bei Marie zuhause und Konzerterfahrungen. Denn Fredriksson war in den vergangenen Jahren auf Welttournee mit Roxette und auf Solotournee durch Schweden. Im zweiten Teil lässt Zweigbergk Fredriksson erzählen und hat diese Erlebnisse aus frühester Kindheit über Jugend bis hin zum weltweiten Durchbruch mit Roxette fast im Wortlaut aufgezeichnet. In diesen Sequenzen fühlt es sich an, als würde der Leser selbst mit Marie Fredriksson am Küchentisch sitzen und ihren Erinnerungen lauschen. Es ist eine einfache Sprache, die wir dort finden, aber so ist es, wie Fredriksson heute spricht. Langsam, mit einem kleineren Wortschatz als früher, daher wohl überlegt, aber immer noch mit Feuer im Herzen.

In beiden Teilen spielt auch immer wieder ihre Krankheit eine Rolle – welche Auswirkungen sie hatte, welche Schmerzen und Torturen sie in der schlimmsten Zeit nach der Diagnose durchlitten hat. Und wie sie sich am Ende wieder zurück ins Leben gekämpft hat. Die Beschreibungen der Krankenhausaufenthalte und der einzelnen Behandlungen sind so deutlich beschrieben, dass es einen schaudern lässt. Und wer bislang nicht viel wusste über die Leidensgeschichte der Marie Fredriksson, der hat nach der Lektüre ein ganz deutliches Bild vor Augen. Wie sie selbst unter allem litt, beschreibt sie brutal ehrlich: "Ich büß;te meine Identität ein. Wurde Krebs. Mehr war ich nicht mehr. Und ich hasste jede Sekunde meines Daseins."

Dass sie überhaupt noch lebt, ist ein Wunder. Ihre Chancen auf Heilung lagen bei fünf Prozent. Dass sie wieder sprechen und ein bisschen schreiben kann, ist ein zweites Wunder – zwei Jahre lang hatte sie keinen Ton rausgebracht, litt an Aphasie. Sie konnte nicht mit ihren Kindern, nicht mit ihrem Mann sprechen. Geschweige denn singen. Die ersten Töne, die ihren Mund verließ;en, waren ein paar Noten aus dem bekannten Roxette-Lied "Dangerous". Dass sie überhaupt wieder auf die Bühne zurückkehren, um die Welt reisen und für Millionen Menschen singen konnte, schien undenkbar. Sie schaffte es und feierte ihr Comeback 2009 bei einem Auftritt eines Konzerts ihres Bandkollegen Per Gessle in Amsterdam.

Der erste Auftritt mit Roxette 2009

Fünf Monate später begleiteten Roxette dann mit fünf Songs pro Abend die Nokia Night of the Proms, ehe sie im folgenden Jahr die erste Welttournee von zweien ankündigten. Dieser Werdegang ist beeindruckend, vielleicht noch beeindruckender als die Geschichte des Durchbruchs der zwei Schweden in den späten 80er Jahren. Dass Marie und Per noch einmal zu den verrücktesten ihrer Fans nach Südamerika zurückkehren konnten, noch einmal in Australien vor dem Sydney Opera House spielen durften – es erscheint wie ein Traum. 2013 begleitete sie die Hochzeit der schwedischen Prinzessin Madeleine musikalisch mit einem ihrer eigenen Lieder.

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Fans singen im Luna Park, Argentinien

Ännu doftar kärlek

Am Ende jedoch steht der Abschied von der Bühne. Strahlenschäden haben Marie Fredrikssons rechtes Bein auß;er Gefecht gesetzt, sie kann nur noch schlecht laufen, saß; schon bei den letzten Auftritten und hat sich nun bei einem Sturz im eigenen Haus dazu entschieden, dass Risiko und Stress zu hoch sind. Keine Konzerte mehr, keine Tourneen mehr – sie will nur noch in ihrem Garten sitzen und den Ruhestand genieß;en. Verdient hat sie es sich – hat sie doch so vielen Menschen in aller Welt so viel Mut gemacht, niemals aufzugeben. Und auch im letzten Kapitel ihrer Biografie kann sie nicht umhin, weiterhin Licht und Kraft zu spenden, wenn sie sagt: "Ich werde für jeden einzelnen hellen und schönen Augenblick kämpfen – für den Rest der Tage, die mir noch bleiben."

Marie Fredriksson/Helena von Zweigbergk: Listen to my heart/Meine Liebe zum Leben ist erschienen im Edel-Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-10: 3841904882. ISBN-13: 978-3841904881.

Phil Collins: Da kommt noch was - Not dead yet

Ein trauriger Clown hat den 80ern den Rhythmus vorgegeben. Es war das Jahrzehnt von Phil Collins: Ob als singender Schlagzeuger bei Genesis, als trommelnder Sänger mit seinen Soloprojekten oder als sehenswerter Gelegenheitsschauspieler - man konnte dem spitzbübischen Briten nicht entkommen.

Mancher mag das seinerzeit verflucht haben, dass der clevere Tausendsassa mit der Halbglatze den Massengeschmack traf, belegen jedoch jeweils mehr als 100 Millionen verkaufte Alben, im Alleingang und mit seiner Band, und das soll ihm erstmal jemand nachmachen.

Seine Autobiografie stellt nicht nur im Titel klar, dass mit dem knapp 66-Jährigen noch - besser: wieder - zu rechnen ist. Überwunden sind Schaffenskrise und Alkoholprobleme, selbst seine gescheiterte Ehe konnte er kitten. Allein der Rücken macht noch Sorgen, sein 15-jähriger Sohn wird daher während der kommenden Tour hinterm Schlagzeug sitzen.

Das Buch erzählt von den Anfängen, als der kleine Phil zum ersten Mal sein Spielzeug-Drumset bearbeitet, über die Begegnung mit Genesis, die er von der Prog- zur Pop-Band entwickelt, bis hin zum vieldiskutierten, nun also nur vorläufigen Abschied von der Bühne durchaus bekannte Geschichten. Aber der Autor schafft es, selbst Banalem reichlich Witz und Spannung abzuringen. Der erste groß;e Hit unter seinem eigenen Namen entsteht fast nebenbei - wer hätte gedacht, dass das ikonische Drumbreak von "In The Air Tonight" nicht das Ergebnis akribischer Studioarbeit ist?

In The Air Tonight

Für seine Beteiligung an Benefiz-Projekten wie Band Aid und Live Aid hat er selbstironische Bemerkungen übrig. Dem Jungen aus der Mittelschicht scheint zuviel Lob für derartiges Engagement fast peinlich zu sein. Skurril seine Begegnungen mit ungezählten namhaften Kollegen, dramatisch, aber lakonisch geschildert seine Beziehungen zu Frauen und später dem eigenen Nachwuchs. Collins ist ein Entertainer, kein Familienmensch, und manches Mal schimmert Bedauern durch über vertane Chancen im Privatleben.

I Don't Care Anymore

Beruflich will er es indes noch einmal wissen. Zurückkehren auf den Thron des Superstars, auf dem er sich überraschend wohl gefühlt hat. Selbst moderne Verbreitungsmethoden hat der Musiker inzwischen für sich entdeckt: Entsprechende Plattformen listen als erfolgreichsten Titel aus seinem Gesamtwerk ausgerechnet "You Can't Hurry Love", also eine Coverversion. Er bleibt traurig, der ewige Clown, auch nach erfolgreichem Comeback.

Phil Collins: Da kommt noch was - Not dead yet ist erschienen im Heyne-Verlag, 528 Seiten, 24,99 Euro, ISBN: 978-3-453-20121-7.

Bruce Springsteen: Born to run - Die Autobiografie

Mag kommen, was will - er ist und bleibt der Boss. Für seine Fans sowieso, längst auch für das Feuilleton, aber auch für seine Gegner. Ein Ehrentitel ist das, mehr als ein Spitzname, und Bruce Springsteen trägt ihn mit Würde. Wie er auch würdevoll sämtliche Hochs und Tiefs erlebt beziehungsweise überstanden hat, von denen er nun endlich selbst erzählt.

Bislang war die schlicht "Bruce" betitelte Biografie von Peter Ames Carlin das Referenzwerk, was Leben und Schaffen des Musikers angeht. Der Autor kam ganz nah ran, führte ausführliche Gespräche mit dem Porträtierten und schuf so ein umfassendes Bild von ihm. Noch genauer geht es kaum - aber es geht eben doch. Nämlich, wenn sich der Meister selbst zu Wort meldet und einmal mehr unterstreicht, dass er nicht nur Rocker, sondern auch Lyriker ist.

Highway Patrolman

Sie klingt wie all die Geschichten über kleine Leute, die er in seinen Texten erzählt, die Story vom Burschen aus New Jersey. Die Auflehnung gegen seinen religiösen Vater, der eigene Glaube, auch der an seine Zukunft als Musiker - das prägt Springsteens frühe Jahre. Seine verschworene Gemeinschaft, die E Street Band, dazu die Liebe zu Patti Scialfa, der Ruhm der 70er und 80er - die Sonnenseite seines bewegten Lebens strahlt hell. Aber nur, weil es auch eine Schattenseite gibt, weil seine erste Ehe gescheitert ist, das Verhältnis zum Vater zerrüttet blieb, weil viel schief läuft auf unserer Erde und er schon immer einer war, der sein Publikum daran erinnert hat.

Wir erfahren viel über das Dasein des Autors, am meisten natürlich über Musik. Wie geht es einem, der "die Zukunft des Rock'n'Roll" genannt wurde, wenn der Erfolg mal ausbleibt? Was treibt einen Getriebenen an, wenn die Energie versiegt, nachdem New York und die Welt vom Terror erschüttert wurden? Wie bewahrt er sich seinen Mut, was lässt ihn heute mit seinen Fans auf der Stadionbühne tanzen, um gleich darauf den mahnenden Poeten zu geben? Seine Autobiografie - zusammengetragen über Jahre und trotzdem erstaunlich stringent - beantwortet sämtliche Fragen und bewahrt doch den Mythos Springsteen, die Legende vom letzten aufrechten Rockmusiker.

Dancing In The Dark

Sie sind alle dabei: Little Steven und der kleine Nils, die groß;e Liebe Patti und "big man" Clarence, all jene, die zurückbleiben mussten, und die, die noch an Bord sind. Dies ist die Geschichte des Mannes, den sie den Boss nennen. Und sie ist verdammt lesenswert.

Bruce Springsteen: Born to run - Die Autobiografie ist erschienen im Heyne-Verlag, 672 Seiten, 27,99 Euro, ISBN: 978-3-453-20131-6.