Der Fall Ayleen: Chronik eines Verbrechens

Am 29. Juli wird die Leiche von Ayleen (14) aus Gottenheim im Teufelsee (Wetteraukreis) gefunden. Ihr Mörder ist mutmaßlich ein 29-Jähriger aus Waldsolms. Der Mann war den Behörden als Sexualstraftäter bekannt. Archivfoto: Frank Rumpenhorst/dpa

Ayleens mutmaßlicher Mörder ist ein vorbestrafter Sexualstraftäter aus Waldsolms. Er soll vorher schon Mädchen belästigt haben. Die Vorgeschichte beginnt schon im Jahr 2007.

Anzeige

WALDSOLMS. Die Leiche von Ayleen (14) aus Gottenheim wird in einem See gefunden. Ein 29-jähriger Mann aus Waldsolms (Lahn-Dill-Kreis) soll ihr Mörder sein. Die Polizei geht von einem Sexualverbrechen aus.

Die Todesursache, der Tatort, das Motiv - vieles im Fall Ayleen ist noch unklar. Doch es kommt immer mehr ans Licht. Der mutmaßliche Täter ist ein vorbestrafter Sexualverbrecher. Er soll schon kurz vor der Tat mehrere Mädchen belästigt haben. Wie konnte es so weit kommen? Ein chronologischer Überblick - was bisher bekannt ist:

Die Vorgeschichte

2007: Ein 14-Jähriger hat es auf ein junges Mädchen abgesehen. Sein Opfer ist elf Jahre alt. "Versuchtes Sexualdelikt" nennt das Gericht das, was der Teenager dem Mädchen antun wird - und spricht ein Urteil: Der 14-Jährige wird in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Dort wird er sehr lange bleiben.

Anzeige

20. Januar 2017: Aus dem Teenager ist ein junger Mann geworden, als er das psychiatrische Krankenhaus verlässt. Das Amtsgericht Frankenberg (Eder) sieht keine Voraussetzungen für eine weitere Unterbringung mehr.

Der junge Mann ist frei - aber nur unter Auflagen. Drei Jahre lang wird er unter Führungsaufsicht stehen, seine Aktivitäten werden also von den Behörden genau überwacht. Es gibt Bedingungen: Der vorbestrafte Sexualstraftäter wird psychiatrisch behandelt und muss Medikamente einnehmen. Er darf seinen Wohnsitz nicht ohne Absprache wechseln. Er soll keine Drogen nehmen. Und er soll sich um eine gesetzliche Betreuung bemühen. Das Landeskriminalamt (LKA) Hessen beobachtet den jungen Mann ebenfalls. Er gilt als rückfallgefährdeter Sexualstraftäter.

16. Januar 2020: Drei Jahre Führungsaufsicht sind vorbei - und das Amtsgericht Wetzlar traut dem Mann aus Waldsolms nicht. Das Gericht möchte ihn lebenslang überwachen lassen. Führungsaufsicht für immer.

Der Verurteilte legt Beschwerde ein. Mit Erfolg. Noch am gleichen Tag kassiert das Landgericht Limburg die Entscheidung aus Wetzlar. Keine lebenslange Führungsaufsicht - aber noch zwei weitere Jahre. Das ist das Höchstmaß. "Die sehr strengen Anforderungen an eine unbefristete - also auf lebenslange Dauer angelegte - Führungsaufsicht wurden zum damaligen Zeitpunkt der Entscheidung nicht als gegeben angenommen", wird das Limburger Landgericht später mitteilen. In der Zwischenzeit ist ein Mädchen getötet worden.

Anzeige

25. Januar 2022: Die Führungsaufsicht endet. In der Zwischenzeit ist der Mann aus Waldsolms zwar durch Diebstahl und Verkehrsdelikte aufgefallen, aber nicht durch Sexualdelikte. Es gibt keinen Versuch, die Führungsaufsicht noch einmal zu verlängern.

25. März: Zwei Mädchen aus Waldsolms, 12 und 14 Jahre alt, stehen am Bahnsteig. Sie warten auf die Taunusbahn. Ein Mann folgt ihnen. Erst auf dem Bahnsteig, später im Zug. Er haut dem 14-jährigen Mädchen auf den Po. Die beiden Mädchen erzählen ihrem Vater erst später davon. Der findet den Namen des Mannes heraus und meldet ihn bei der Polizei. Man habe den Tatverdächtigen "auf dem Schirm" heißt es dort.

4. April: In einem Bus packt der Mann aus Waldsolms zu. Er fasst einer Jugendlichen an die Hüfte und versucht, sie an sich heranzuziehen. Die Schülerin kann sich befreien.

Ende April: Der Waldsolmser arbeitet auf dem Blütenfest in Rosbach vor der Höhe (Wetteraukreis). Er jobbt als Hilfsarbeiter bei einem Fahrgeschäft. Er spricht eine Schülerin an, sie ist 17 Jahre alt.

In den folgenden Tagen steht das Handy der Schülerin kaum still. Über einen Messenger-Dienst bombardiert der Waldsolmser sie mit Textnachrichten. Außerdem taucht er mehrfach auf dem Hof ihrer Schule in Bad Nauheim auf. Er möchte, dass die beiden ein Paar werden.

Die Schülerin wehrt sich. Der Waldsolmser droht ihr mit Suizid. "Dann fahr' ich gegen einen Brückenpfeiler", schreibt er. Mehrfach versucht er, die 17-Jährige in sein Auto zu locken. Außerdem bietet er an, mit ihr Essen zu gehen oder sie nach Hause zu fahren. Ein Bekannter der Schülerin fotografiert den Mann. Die Schulleitung erteilt ihm einen Verweis.

Anfang Mai wird Strafanzeige bei der Polizei in Friedberg erstattet. Sie veranlasst eine sogenannte "Gefährderansprache". Dabei nimmt die Polizei Kontakt mit dem Verdächtigen auf und informiert ihn über die Anzeige und die Ermittlungen.

Die Polizei lädt den Waldsolmser außerdem mehrfach vor, doch er erscheint nicht. Das muss er laut Rechtslage auch nicht. Die Akte über den Vorfall geht an die Staatsanwaltschaft. Als sie dort ankommt, ist es zu spät.

19. Mai: Der Waldsolmser wird in das Nachfolge-Programm der hessischen Polizei für Mehrfach- und Intensivtäter (MIT) eingestuft. Das Programm bedeutet keine permanente Überwachung. Es dient vor allem dazu, auch niederschwellige Delikte von bereits verurteilten Straftätern zu bündeln und dann für eine effektive Strafverfolgung anzuklagen.

Der Fall Ayleen

21. Juli: Ayleen A. aus Gottenheim bei Freiburg spielt gern Fortnite. Das bei Teenagern und Jugendlichen beliebte Spiel hat eine Chat-Funktion. Über den Chat hat das eigentlich schüchterne Mädchen jemanden kennengelernt.

Zwischen 16 und 18 Uhr verlässt sie ihr Elternhaus. Sie möchte einem Freund einen Hoodie zurückbringen. Zumindest sagt sie das. Doch stattdessen trifft sie sich mit einem Mann. Einem 29-Jährigen aus Waldsolms. Die beiden haben sich über den Chat verabredet.

Der Mann kommt mit dem Auto. Ayleen steigt ein. Bisher weiß niemand, ob sie das freiwillig getan hat. Der Mann fährt mit Ayleen noch Hessen. Zu diesem Zeitpunkt lebt sie wahrscheinlich noch.

22. Juli. Ayleen wird vermisst. Die Polizei beginnt mit der Suche. Hubschrauber und Spürhunde sind im Einsatz. Tagelang durchkämmen Polizisten, Experten und freiwillige Helfer die Gegend rund um Gottenheim. Hundert Feuerwehrleute beteiligen sich an der Suche, auch einige Winzer aus der Region helfen mit. Vergeblich.

29. Juli: Im Teufelsee in Echzell (Wetteraukreis) wird die Leiche eines Mädchens gefunden. Die Polizei vermutet, dass es die vermisste Ayleen sein könnte. Die Leiche liegt schon seit Tagen im Wasser. Eine Obduktion ist nötig. Der See befindet sich in einem Naturschutzgebiet, 300 Kilometer von Ayleens Heimat entfernt.

Die Obduktion ist schwierig und dauert sieben Stunden. Der Zahnstatus und das DNA-Profil bringen Gewissheit: Die Tote aus dem See ist Ayleen. Wie und wo die 14-Jährige ums Leben kam, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob sie vergewaltigt oder sexuell missbraucht worden ist.

Schnell stößt die Polizei auf den 29-jährigen Waldsolmser. Seine Wohnung wird durchsucht. Dort finden die Beamten persönliche Gegenstände von Ayleen. Wenige Stunden später wird der Mann in Köppern, einem Stadtteil von Friedrichsdorf, festgenommen.

30. Juli: Die Polizei bestätigt öffentlich, dass es sich bei der gefundenen Leiche um die vermisste Ayleen handelt.

Bei einer Pressekonferenz in Freiburg informieren die Ermittler darüber, was sie bisher zum Tod von Ayleen (14) wissen. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa
Bei einer Pressekonferenz in Freiburg informieren die Ermittler darüber, was sie bisher zum Tod von Ayleen (14) wissen. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa (© Philipp von Ditfurth/dpa)

1. August: Pressetermin. Polizei und Staatsanwaltschaft äußern sich. Dabei geben sie auch die Festnahme des Waldsolmsers bekannt. Um den Tatablauf rekonstruieren zu können, müssen die Ermittler wohl etwa zehn Millionen digitale Spuren auswerten.

Die Folgen

3. August: Als bekannt wird, dass der Verdächtige aus Waldsolms stammt, machen sich dutzende Journalisten auf den Weg in die 5000-Einwohner-Gemeinde. Sie befragen Nachbarn und machen Fotos vom Wohnhaus des 29-Jährigen.

Einige Medien veröffentlichen bereits den Namen und Fotos des mutmaßlichen Täters. Manche gehen sogar so weit, dass sie vom Einwohnermeldeamt in Brandoberndorf die Herausgabe von Bildern und persönlichen Daten verlangen. Die Polizei stellt eine Streife vor der Wohnung des Festgenommenen ab.

4. August: Der südbadische Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner (SPD) schickt einen Fragenkatalog an den hessischen Justizminister Roman Poseck (CDU). Fechner, der selbst in Freiburg geboren ist, will unter anderem wissen, "(...) wie es sein kann, dass ein von der Polizei als gefährlich eingeschätzter Straftäter unbeaufsichtigt blieb".

An der katholischen Kirche in Waldsolms-Brandoberndorf, dem Wohnort des mutmaßlichen Mörders von Ayleen, ist eine Gedenkstätte eingerichtet worden. Foto: Jenny Berns
An der katholischen Kirche in Waldsolms-Brandoberndorf, dem Wohnort des mutmaßlichen Mörders von Ayleen, ist eine Gedenkstätte eingerichtet worden. Foto: Jenny Berns (© Jenny Berns)

6. August: Im Waldsolmser Ortsteil Brandoberndorf versammeln sich mehrere Menschen. Im Heimatort des mutmaßlichen Mörders trauern sie bei einer Gedenkveranstaltung um Ayleen. Die Gäste kommen vor der katholischen Kirche zusammen und lassen Luftballons mit Botschaften steigen.

8. August: Die Gemeinde Gottenheim steht immer noch unter Schock. Eigentlich wäre der Ort mit seinen 2800 Einwohnern jetzt mitten in der heißen Phase der Vorbereitungen für ein Weinfest. Es wird abgesagt. An der Mauer vor dem Rathaus bildet sich ein Meer aus Blumen und Trauerbotschaften für Ayleen.

4. bis 15. August: Zahlreiche Medien berichten über die Vorgeschichte des verurteilten Sexualstraftäters. Details zur Führungsaufsicht und den Anzeigen vor Ayleens Verschwinden kommen ans Licht. Außerdem bestätigt Wetzlars Oberstaatsanwalt Manuel Jung, dass wegen mehrerer Delikte des Waldsolmsers für den 8. August bereits ein Verhandlungstermin angesetzt war.

11. August: Ayleen wird beerdigt. Laut Polizei gibt es keine Zwischenfälle.

"Fall Ayleen": Mit diesem silberfarbenen Ford Ka soll der Beschuldigte aus Waldsolms am Tattag unterwegs auf der A5 gewesen sein. Die Polizei sucht Zeugen, die das Fahrzeug gesehen haben.   Foto: Polizei Mittelhessen
"Fall Ayleen": Mit diesem silberfarbenen Ford Ka soll der Beschuldigte aus Waldsolms am Tattag unterwegs auf der A5 gewesen sein. Die Polizei sucht Zeugen, die das Fahrzeug gesehen haben. Foto: Polizei Mittelhessen (© Polizei Mittelhessen)

16. August: Die Staatsanwaltschaft Gießen und das Polizeipräsidium in Mittelhessen übernehmen den Fall. Die Kriminaldirektion bildet die Soko "Lacus" (lateinisch: See) mit rund 30 Beamten. Die Ermittler gehen davon aus, dass Ayleen "in Hessen gewaltsam zu Tode gekommen ist".

Außerdem suchen sie Zeugen. Ayleens mutmaßlicher Mörder soll am Tattag einen silbernen Ford Ka benutzt haben. Damit könnte er sich am Abend des 21. Juli auf einem an der A5 gelegenen Parkplatz bei Bruchsal in Fahrtrichtung Frankfurt aufgehalten haben - und danach im Bereich des Teufelsees bei Echzell.

Neben der Bereitschaftspolizei waren am Teufelsee auch Polizeitaucher, ein Sonar-Boot der DLRG und eine Drohne im Einsatz. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Neben der Bereitschaftspolizei waren am Teufelsee auch Polizeitaucher, ein Sonar-Boot der DLRG und eine Drohne im Einsatz. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa (© Frank Rumpenhorst/dpa)

17. August: Rund um den Teufelsee herrscht geschäftiges Treiben. 50 bis 60 Einsatzkräfte der Polizei und der DLRG sind vor Ort. Sie suchen nach Spuren. Spuren, die darauf hinweisen könnten, wie Ayleen getötet wurde. Eine Drohne und ein Sonarboot kommen zu Einsatz. Einige Beamte umrunden den See immer wieder und suchen die Umgebung ab. Sie stellen mehrere Gegenstände sicher. Ob sie mit dem Fall zusammenhängen, ist noch unklar.

22. August: Die Polizei prüft die am Teufelsee gefundenen Gegenstände.

29. August: Die bei der erneuten Absuche des Fundortes der Leiche der getöteten Ayleen sichergestellten Gegenstände haben die Ermittler bisher nicht weitergebracht. Die Gegenstände hätten nach bisherigen Erkenntnissen keinen Bezug zum Fall und seien "eher nicht beweiserheblich", sagte ein Polizeisprecher am Montag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Die 30-köpfige Soko arbeite weiter intensiv an den Ermittlungen, Einzelheiten nannte der Sprecher nicht.

Von Tobi Manges