Auf zwei Rädern durch 149 kriegerische Jahre

Zum Ausstieg ein Aufstieg: Auf den Höhen zwischen Dalheim und Klein-Altenstädten endet die Tour. Ein Stück oberhalb von Dalheim und ein Stück unterhalb des Gipfels befand sich für nur ein gutes Jahr gegen Ende des Zweiten Weltkrieges das Durchgangslager-West der Luftwaffe, in dem abgeschossene Piloten der Alliierten festgehalten wurden. Im Hintergrund ist Aßlar zu sehen.⋌ Foto: Weber

Wenn man Optik und Goethe einmal bewusst links liegen lässt, taucht in der Wetzlarer Geschichte das Militär auf. In unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen...

Anzeige

Wetzlar. Wenn man Optik und Goethe einmal bewusst links liegen lässt, taucht in der Wetzlarer Geschichte das Militär auf. In unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Ausprägungen wirkte es in der Stadt. Auf in den Sattel – zu ausgewählten Schauplätzen und Denkmälern.

Militär? Wieso? Wann kann denn Büblingshausen mal strategisch wichtig gewesen sein? Nein, mit solcher Erwartung darf diese Tour nicht beginnen. Frontlinien und Bunker werden nicht erfahren. Es sind zuallererst die Auswirkungen, die Folgen und die Erinnerungskultur, aus denen der Wetzlarer Radverkehrsbeauftragte Peter Fuess diese Tour gestrickt hat. Sie ist gut zwölf Kilometer lang und reicht 149 Jahre weit, von 1796 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945.

Die Baracken des Lagers sind so stabil, dass sie zum Bau des neuen Büblingshausen genutzt werden können

Anzeige

Wir beginnen an der Gnadenkirche, als Startpunkt in Büblingshausen gut zu sehen. Der heutige Stadtbezirk war einmal ein eigenständiges Dorf, 1262 als Bubelingishusen erstmals erwähnt, dann im Mittelalter von seinen Bewohnern verlassen. Militärisch wird es, weil dort im Ersten Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager stand. Dessen Holzbaracken waren so stabil, dass sie nach Kriegsende weiter genutzt wurden – zum Aufbau der neuen Siedlung Büblingshausen nämlich, wie Stadtarchivarin Dr. Irene Jung berichtet. Am Startpunkt, der Gnadenkirche, fällt vor allem eines auf: die Turmuhr mit ihren vier Zifferblättern, von denen eines statt Ziffern Buchstaben trägt: "Zeit ist Gnade". Zwölf Buchstaben, die so etwas wie das Motto der Gemeinde darstellen.

Startpunkt der Tour: Die 1955 fertiggestellte Gnadenkirche.
Büblingshausen vom Kirchturm aus: Zum Stadtbezirk gehört unter anderem das Gelände der Spilburg und das Wohngebiet Blankenfeld.
Im Inneren des sehr schlicht gestalteten Gotteshauses beeindruckt das Fenster mit dem Weinstock, der die Verbundenheit von Gott und Gemeinde symbolisieren soll.
Auffällig ist die Turmuhr der Gnadenkirche mit ihren vier Zifferblättern, von denen eines statt Ziffern Buchstaben trägt: „Zeit ist Gnade“ heißt es dort. Zwölf Buchstaben, die so etwas wie das Motto der Gemeinde darstellen.
Was aussieht wie ein Park ist der Kriegsgefangenenfriedhof in Büblingshausen. Hier ruhen Tote aus dem Ersten Weltkrieg, vor allem Russen und Ukrainer. Die seinerzeit ebenfalls beigesetzten Kriegsgefangenen aus Belgien, England, Frankreich und Italien wurden ab 1922 exhumiert und in ihre Heimat überführt, weiß Stadtarchivarin Irene Jung. 497 Bestattungen habe es insgesamt gegeben.⋌
Die in den Jahren 1913 und 1914 errichtete Kaserne an der Frankfurter Straße bestand aus 14 Gebäuden, wurde aber im Laufe der Zeit ausgebaut. Der Bau blieb - heutzutage eher untypisch - im Kosten- und im Zeitrahmen.
Die Infotafeln am Rande des Exerzierplatzes vermitteln einen guten Eindruck von der Größe des Geländes und erklären die Gebäudenutzungen.
Hinter dem Hauptportal des Friedhofs an der Frankfurter Straße herrscht himmlische Ruhe vom Straßenlärm.
Die Wasserkaskaden vor dem Krematorium sind heute außer Betrieb.
Das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs wurde am 22. November 1921 eingeweiht.
Eines der auffälligeren Gräber erinnert an Ernst Leitz und seine Familie.
Im neueren Teil des Friedhofs befindet sich das Denkmal für die Seminaristen.
Die Denkmalpflege schreit über die Friedhofskapelle aus dem Jahr 1928: "Die Kapelle wurde nach Entwürfen von Hermann Billing aus Karlsruhe, dem Architekten der Mannheimer Kunsthalle, in expressionistischen Formen erbaut. Der Bruchsteinbau wird durch spitzbogige Fenster und eine von drei spitzbogigen Arkaden gebildete Vorhalle gegliedert. Im Inneren dominiert eine Spitztonne mit ebensolchen Stichkappen den Raum und stellt ihn in eine Reihe mit dem Inneren der vom Offenbacher Professor Dominikus Böhm errichteten Kirche in Köln-Frielingsdorf. Die von Eugen Ehmann aus Stuttgart angefertigte farbige Fassung, die weiblich aufgefasste, zum Himmel aufstrebende Engel mit wehenden Gewändern darstellte, wurde inzwischen entfernt und durch eine weiße Fassung ersetzt. "
Der Friedhof befindet sich in schwierigem Gelände und erhält dadurch seine terrassenartige Struktur.
Das Jägerdenkmal an der Hausertorstraße wurde im Oktober 1924 eingeweiht.
Das Denkmal erinnert an die Gefallenen  aus den Reihen des bis 1877 in Wetzlar stationierten 8. Rheinischen Jägerbataillons im Ersten Weltkrieg.
Detailaufnahme des Österreicher-Denkmals an der Hohen Straße in Dalheim, das an die Schlacht von 1796 erinnert und die Verbundenheit zu den Zeiten verdeutlichen soll, in denen Wetzlar freie Reichsstadt war.
Das Durchgangslager-Luft West befand sich zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges weit weg von der Stadt, grenzt heute aber direkt an die Wohnbebauung von Dalheim.
Während die Gebäude des Lagers verschwunden sind, lassen sich seine Spuren an Betonplatten auf den Wegen und Mauerresten im Unterholz erahnen.

Am Rande des Stadtbezirks finden sich noch begehbare Spuren der Lagerzeit: der Kriegsgefangenenfriedhof hinter einer Bruchsteinmauer. 497 Bestattungen gab es, doch nicht alle Toten sind noch da. Die Leichen der französischen, belgischen, englischen und italienischen Gefangenen wurden von 1922 bis 1926 in ihre Heimat gebracht, erzählt Jung. Russische und ukrainische Gefangene ruhen noch in Büblingshausen.

Nun kamen Gefangenenlager und Friedhof nicht von ungefähr: Schließ;lich befand sich in direkter Nachbarschaft seit 1914 eine Unteroffiziersschule, die spätere Spilburg-Kaserne (siehe Kasten rechts). Dorthin führt auch unsere Tour nun, vorbei am Schulzentrum und durch das Haupttor auf das Gelände, das nach Abzug der Bundeswehr (1993) nun Firmen, die Technische Hochschule Mittelhessen, Restaurants und mehr beherbergt.

Die groß;en Gebäude beeindrucken, vor allem das zur Frankfurter Straß;e ausgerichtete Mannschaftsgebäude mit dem "Spilburg"-Schriftzug. Zur Orientierung und Information empfiehlt sich die Infotafel am alten Exerzierplatz (Steinbühlstraß;e), schräg gegenüber der mit Bauzaun abgesperrten Tribüne. Übrigens – und das sollten sich heutige Architekten und Planer einmal vor Augen führen: Der Bau der Kaserne 1913/14 blieb im Kosten- und im Zeitplan.

Anzeige

Noch eine kurze Runde um den Exerzierplatz, dann rollen die Räder den steilen Weg in die Robert-Koch-Straß;e hinab, vorbei am Hospiz, der Polizei und dem Finanzamt, Standort des früheren Hospitals. Der nächste Stopp liegt gegenüber, am Eingang zum Alten Friedhof wartet Stadtführerin Hannelore Neumann. Wer von der lärmenden Hauptstraß;e hineintritt, traut seinen Ohren kaum: Hinter der Bruchsteinmauer herrscht himmlische Ruhe. Oder Totenstille – das ist jetzt wohl Ansichtssache.

Der terrassenartig angelegte Friedhof besteht aus zwei Teilen, erklärt Neumann auf dem Weg unter Säuleneichen. Der untere Teil, ab 1881 angelegt, ist "quadratisch, praktisch, gut", die Erweiterung nach Süden von 1923/25 parkartig romantisch. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Busgruppen von Touristen, um sich die Anlage anzusehen. Vor allem die Kapelle mit den Wasserkaskaden, heute nicht mehr in Betrieb, begeisterte. An zwei Stellen, und damit bleiben wir beim Thema dieser Fahrt, wird der Kriegstoten besonders gedacht: Das Ehrenmal von 1921 gedenkt der Gefallenen des Ersten Weltkrieges und tut dies, ohne die üblichen Verherrlichungssymbole zu verwenden, wie Neumann sagt. Im neuen Teil des Friedhofs erinnert zudem das Lehrerseminar-Denkmal an Gefallene beider Weltkriege.

Einmal im Jahr werden Führungen angeboten, dieses Jahr am 11. Juni. "Es ist immer wieder interessant, wie viele Leute sich für den Friedhof interessieren", sagt Neumann. Sie erzählt den Gästen dann, dass Wetzlar eines der ersten Krematorien auf einem deutschen Friedhof besaß; und dass die Erweiterung eine Notstandsmaß;nahme gegen die Arbeitslosigkeit in der Weimarer Republik war. Und, dass es einmal zwei Kapellen gab. Denn die groß;e Kapelle von 1928 beherbergt auch das Krematorium. Feuerbestattungen aber waren für Katholiken lange ein rotes Tuch – die Kapelle damit auch.

Wenn das Wetter stimmt, lässt sich viel Zeit auf dem Alten Friedhof zubringen. Die Wege und Pfade laden zum Schlendern ein, Gräber bekannter Persönlichkeiten zum Verweilen. Allerdings sind noch drei Stationen zu erfahren. Durch den unteren Ausgang zur Bergstraß;e geht es daher weiter, Peter Fuess steuert die Altstadt an, durch die Friedenstraß;e und über den Kornmarkt geht es zum Historischen Archiv in der Hauser Gasse, wo Schlachten und Kriege in und um Wetzlar in Büchern und Akten nachzuvollziehen sind.

Möglich machen das auch Denkmale, so wie das Jägerdenkmal, gar nicht weit vom Archiv entfernt, am Hauserstollen. Erinnert wird an das 8. Rheinische Jägerbataillon. Zur Einweihung 1924 war das Bataillon zwar schon 47 Jahre lang aus Wetzlar weg. Da seine neue Heimat, Zabern, aber nun in Frankreich lag, konnte dort kein Ehrenmal gebaut werden, wie Peter Fuess weiß;. So kam der Verein ehemaliger Rheinischer Jäger auf Wetzlar.

Österreicherdenkmal: Sechs Meter Lahnmarmor erinnern an eine Schlacht, die keinen Wert besaß;

Nicht nur in der Innenstadt gibt es Denkmäler, die an bedeutende oder zumindest bekannte Schlachten erinnern. Wir fahren durch die Colchesteranlage, über die Pontonbrücke (schieben!), den Lahntalradweg und die Bachweide in die Bredowsiedlung, wo die B 49 überquert wird. In Dalheim befinden sich die beiden letzten Stationen dieser Tour.

Das Österreicher-Denkmal aus grauem Lahnmarmor ist sechs Meter hoch und erinnert an die Schlacht von 1796, in der Erzherzog Karl von Österreich die Franzosen unter General Jourdan schlug. Genutzt hat es freilich nichts: Nur Monate später kamen die Franzosen zurück, nahmen Wetzlar ein und machten es zum Hauptquartier. Das alles war lange vorbei, als das Denkmal im Jahr 1848 gebaut wurde. Welchen Zweck also hatte es? Stadtarchivarin Jung ruft die Jahreszahl in Erinnerung: 1848. In der Paulskirche tagt die Nationalversammlung, berät, ob ein kleindeutscher Zusammenschluss ohne Österreich angestrebt werden sollte. "Die Sehnsucht nach deutscher Einheit war in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden", schreibt Jung in einem Aufsatz über das Denkmal. Da kam die Erinnerung an den glorreichen Sieg des Erzherzogs grade recht: Das Denkmal kann also als Bekenntnis zur deutschen Einheit unter Einschluss Österreichs verstanden werden und ganz generell als Erinnerung an die Zeiten des Reichs, als Wetzlar "Reichsstadt" heiß;en durfte.

Wir schwingen uns wieder in den Sattel: Aufwärts durch die Hohe Straß;e, Hauptstraß;e in Dalheim, alter Handelsweg zwischen Frankfurt und Köln. An ihr liegt unser letzter Halt: Das Durchgangslager West, kurz "Dulag", war gegen Ende des Zweiten Weltkrieges der Ort, an dem alliierte Flieger inhaftiert waren. Und dabei nicht mal schlecht lebten. In zwei Baracken lagerten 40 000 Pakete mit Lebensmitteln, Zigaretten, Schokolade – so ist es im Buch "Luftkrieg über Wetzlar" von Karsten Porezag zu lesen. Und ringsherum hungerte die Bevölkerung.

Doch: Wo war das Dulag? Die Gebäude gibt es nicht mehr. Porezag hilft: Wer von Dalheim hoch zur Kompostierungsanlage fährt, wendet sich an der Feldwegekreuzung links Richtung Grillplatz. Wo die Räder plötzlich über Betonplatten rollen, lohnt der Blick nach links und rechts: Im Unterholz sind Mauerreste zu sehen.

Der letzte Anstieg ruft, ein guter Kilometer auf der Hohen Straß;e. Vom Eulingsberg aus kommt Aß;lar in Sicht, der Dünsberg, gegenüber Büblingshausen mit den Kränen im Leitzpark. Nach so viel Erinnerung an Schlachten mag der Ausblick versöhnen: Von oben sieht Wetzlar ganz friedlich aus.

TOURINFOS

Name: Radtour durch 149 militärische Jahre

Start: Gnadenkirche Büblingshausen (Am Anger 1)

Ziel: Dalheim

Länge: 11,4 Kilometer

Dauer: 2,5 Stunden

Höhenmeter: 325

Steigung: moderat

Orte: Wetzlar

ÖPNV: Im Amtmann, Linie 12

Höhepunkte: Ausblick vom Turm der Gnadenkirche, Flanieren über den alten Friedhof, Altstadt, Aussicht vom Eulingsberg. (pre)

DER NAME "SPILBURG"

Die Spilburg-Kaserne hieß; nicht immer so: Anfangs war sie nur die Unteroffiziersschule Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als aus dem Gelände eine Schulstadt wurde, ging aus einem Wettbewerb der Name "Spilburg" hervor, erläutert Stadtarchivarin Irene Jung. "Er bezog sich auf eine in der Nähe gelegene Flurbezeichnung, die bereits seit dem Mittelalter überliefert ist." (pre)