Interview mit Bischof Kohlgraf: "Kommunionbank ist nicht der...

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Foto: Harald Kaster

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat deutliche Kritik am Vatikan geübt. Zudem machte er im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich, dass er in einer ungeklärten Frage wie dem...

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MAINZ. Der Abendmahlsstreit ist ein Symptom dafür, dass die Katholische Kirche oft mit sich selbst zu ringen hat. Intelligente Streitbarkeit wird also eine Tugend sein, die der Mainzer Bischof Kohlgraf und Weihbischof Bentz nur nutzen kann.

Weihbischof Bentz.
Bischof Kohlgraf.

Herr Bischof, es gibt ein Erdbeben in der Katholischen Kirche. Es geht um den Empfang der Kommunion bei Ehepaaren unterschiedlicher Konfession. Im Februar beschloss die Deutsche Bischofskonferenz mit Dreiviertelmehrheit: Wenn evangelische Christen eine schwere geistliche Not geltend machen, können sie die katholische Eucharistie empfangen. Später wurden einige deutsche Bischöfe beim Papst vorstellig, um sich gegen einen solchen Weg zu wenden. Der Papst sagte, die deutschen Bischöfe sollten sich einigen. Nun gibt es einen Brief der Glaubenskongregation, wonach der Papst die Mehrheitsentscheidung der deutschen Bischöfe vom Februar doch nicht akzeptiert.

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Kohlgraf: Es gibt viel Enttäuschung über diese Entwicklung, es gibt vor allem bei den Gläubigen, den Laien, auch viel Verunsicherung und Verärgerung. Es gibt in dem letzten Schreiben der Glaubenskongregation rätselhafte Formulierungen, da muss jetzt noch vieles geklärt werden.

Sie wurden mit dem Satz zitiert: Denken wir eigentlich, wir müssten den lieben Gott beschützen, indem wir bestimmen, wer zur Kommunion gehen darf?

Kohlgraf: Ja, diese Frage drängt sich auf.

Man kann den Eindruck gewinnen, der Papst wurde im Vatikan umgestimmt.

Kohlgraf: Diese Wahrnehmung gibt es, ja.

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Ist das eine Niederlage für die Mehrheit der deutschen Bischöfe?

Kohlgraf: Wir müssen wegkommen von diesem Sieger-Verlierer-Schema. Wir brauchen eine gute Lösung für die betroffenen Christen.

Was tun Sie, wenn am Sonntag ein evangelischer Ehepartner von Ihnen die Kommunion empfangen will?

Kohlgraf: Dann werde ich diesem Wunsch nachkommen. Die Kommunionbank ist nicht der Ort von theologischen Debatten.

Streit um theologische Fragen, weniger Gläubige und weniger neue Priester als in zurückliegenden Zeiten – die Kirche, auch das Bistum Mainz, wird Strukturen verändern müssen. Wie dramatisch ist da ein Haushaltsdefizit des Bistums von 19 Millionen für das Jahr 2016?

Bentz: Es ist ein bilanzielles Defizit, das wir durch Rücklagen, für die wir vorgesorgt haben, ausgleichen können. Wir haben keine Misswirtschaft betrieben. Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und ihren Familien sehr ernst. Wegen gesetzlicher Vorgaben und der niedrigen Zinsen müssen wir größere Altersrückstellungen ausweisen. Wir wollen da keinesfalls auf Kante nähen.

Wo wollen Sie sparen – oder wollen Sie gar nicht sparen?

Bentz: Der Ansatz ist nicht: Wir müssen sparen. Sondern: Wie will das Bistum Mainz in den kommenden zwölf Jahren, also bis 2030, Kirche gestalten? Welche Ressourcen hat das Bistum? Wofür wollen wir sie nutzen? Welche seelsorglichen Akzente wollen wir setzen? Es geht nicht allein um Reduktion, sondern um Kreativität, auch wenn wir natürlich davon ausgehen müssen, dass wir weniger Kirchensteuereinnahmen haben werden als heute, möglicherweise 10 Prozent weniger.

Kohlgraf: Es ist ein Prozess. Wir ermitteln mithilfe von Wissenschaftlern: Wie entwickelt sich bis 2030 die Bevölkerungszahl? Wie die Zahl der Katholiken? Wie die Zahl unserer potenziellen Priester. Dann gilt es zu überlegen und zu planen: Wie gestalten wir Seelsorge mit unseren Ressourcen? Eins ist klar: Das klassische Bild, wonach sich eine Pfarrei über den Pfarrer definiert, wird es vermutlich so nicht mehr geben.

Sondern?

Kohlgraf: Die Gemeindemitglieder werden eine viel größere Rolle spielen. Getaufte und gefirmte Christen organisieren ihre Kirche vor Ort. Das bedeutet: Aus dem Christsein heraus Kirche zu gestalten. Und das kann von Ort zu Ort unterschiedlich aussehen. Aber es geht, und zwar kreativ. Da muss nichts automatisch zusammenbrechen. Ehrenamtliche können nicht komplett den Pfarrer ersetzen, aber sie können Gottesdienste feiern. Und jemand, der nicht Priester ist, kann auch etwa die Stelle des Pfarrers bei einer Beerdigung einnehmen. Wahrscheinlich nicht in einer großen Stadt wie Mainz, aber im ländlichen Raum.

Sie werden in diesem Jahr in Mainz für das Bistum genau einen Priester weihen. Einen einzigen. Das heißt: Diese Pläne sind auch aus der Not geboren?

Bentz: Selbst wenn wir viele Priester hätten: Es braucht ein neues Selbstverständnis der Gemeinden. Wir haben heute im Bistum rund 300 aktive Pfarrer, 2030 werden es deutlich weniger sein. Aber die Zahl alleine sagt noch nichts. Wir müssen sehen: Welches Charisma haben sie? Nicht jeder Priester muss automatisch Gemeindeleiter sein.

Immer wieder wird spekuliert, es würden Gemeinden zusammengelegt, obwohl das bislang noch nicht geschah.

Bentz: In Bistümern, die große Einheiten gebildet haben, wurde oft unterschätzt, wie wichtig Heimatbindung vor Ort ist. Wie auch immer wir mit dem Thema umgehen werden: Wir müssen dafür sorgen, dass Kirche vor Ort lebendig bleibt.

Dass Gemeindemitglieder mehr Verantwortung bekommen sollen, klingt sympathisch. Aber wollen die das auch? Und mancherorts sind die Gemeindemitglieder älter als der Pfarrer.

Kohlgraf: Ich habe jetzt 17 von 20 Dekanaten im Bistum besucht, und ich bin auch sehr vielen jungen Leuten begegnet, denen der Glauben etwas bedeutet.

Bentz: Wir investieren in ein Orientierungsjahr für 17- bis 25-Jährige. Dabei bieten wir etwa geistliche Begleitung und soziale Praktika an, damit junge Leute klären können, wie sie ihren Lebensweg als getaufte Christen gestalten wollen.

Kohlgraf: Kirche ist kein aussterbendes Modell! Kirchliches Leben findet im Übrigen auch nicht nur in der Kirche statt oder im Gemeinderaum.

Sondern?

Bentz: In Altenheimen, Sozialstationen, Kitas, Schulen.

Kohlgraf: Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. In Offenbach sind Katholiken, Christen überhaupt, in der Minderheit. Aber die Caritas spielt eine sehr große Rolle. Caritas ist Kirche! In Darmstadt gibt es eine eindrucksvolle Hochschulgemeinde.

Welche Rolle spielen Frauen in dieser neuen Art von Gemeinde?

Kohlgraf: Ich will ja nichts gegen Männer sagen, aber in der ehrenamtlichen Arbeit tragen Frauen jetzt schon das Gemeindeleben.

Wir brauchen nicht um den heißen Brei herum zu reden: Wie steht es um Weiheämter für Frauen; dass es sie nicht gibt, beklagen viele Frauen.

Kohlgraf: Das verstehe ich auch, aber dass Frauen zu Priestern geweiht werden, hat der Papst jetzt erneut ausgeschlossen. Die Frage, ob es geweihte Diakoninnen gibt, ist in Rom zur Klärung anhängig.

Werden die Entscheidungen über die neuen Gemeindestrukturen eher von oben oder in enger Abstimmung mit der Basis getroffen?

Bentz: Sie können doch einen solchen Weg nur gemeinsam mit denen gehen, die vor Ort Kirche sein sollen.

Reden wir über eine andere sensible Frage. In oder unmittelbar vor Ihrer Amtszeit, Herr Bischof, wurden im Bistum die Stellen des Justiziars und des Personaldezernenten neu besetzt. Zudem gab Domdekan Heckwolf die Leitung der Dezernate Seelsorge und Jugendseelsorge ab.

Kohlgraf: Domdekan Heckwolf ist 76 Jahre alt und hat 25 Jahre lang das Seelsorgeamt engagiert geleitet. Wer hinter seiner Emeritierung eine Verschwörung wittert, dem kann ich auch nicht helfen. Der Justiziar ist aus eigenen freien Stücken ausgeschieden. Und der Wechsel im Personaldezernat kam zustande, weil sich der Amtsinhaber eine neue Aufgabe wünschte.

Wenn ein neuer Bischof kommt, kommen auch andere neue Leute?

Kohlgraf: So sehe ich das. Ich kann daran absolut nichts Aufregendes finden.

Wir sehen Sie hier in schönster Eintracht. Sie duzen sich. Kommen Sie gut miteinander aus?

Kohlgraf: Wir sind in regelmäßigem Austausch über alle wichtigen Fragen. Ich treffe keine Entscheidung, ohne vorher mit dem Weihbischof darüber zu reden. Und umgekehrt ist es genauso. Für mich könnte es nicht besser laufen.