Mutmaßlicher Todesschütze sagt aus

Die Bluttat im Magdalenenhäuser Weg macht seit Tagen überregional Schlagzeilen. Am Mittwoch fand dort erneut eine Polizeiaktion statt.   Foto: Christian Keller

Seit Mittwochabend sitzt der 27-Jährige, der in Wetzlar am Sonntag einen Mann erschossen haben soll, in U-Haft. Informationen über ein mögliches Motiv gibt es bislang keine.

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WETZLAR/GIESSEN/EHRINGSHAUSEN. Nach den tödlichen Schüssen auf einen Bad Kreuznacher im Wetzlarer Westend sitzt der mutmaßliche Todesschütze seit Mittwochabend in Untersuchungshaft. Der 27-Jährige hatte sich am Vorabend überraschend auf einer Polizeiwache gestellt. Am Tag darauf wurde er auf Antrag der Wetzlarer Staatsanwaltschaft der Haftrichterin vorgeführt. Informationen über ein mögliches Motiv gibt es bislang keine.

Gegenüber der Richterin habe der Mann wie zuvor schon während der Vernehmung bei der Polizei umfangreiche Angaben zum Tatgeschehen gemacht, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Daraus würden weitere Ermittlungen folgen, hieß es. Durch die Hinweise des 27-Jährigen konnten Beamte der Kriminalpolizei in Wetzlar inzwischen die Tatwaffe sicherstellen. Die Richterin ordnete Untersuchungshaft wegen Mordverdachts an.

Alles ging Schlag auf Schlag seit Dienstagabend: Erst werden bei SEK-Einsätzen in Aßlar und Ehringshausen drei Männer im Zusammenhang mit der Bluttat im Magdalenenhäuser Weg vorläufig festgenommen, dann taucht plötzlich wie aus dem Nichts der mutmaßliche Todesschütze mit Anwalt in einer Polizeistation auf und stellt sich.

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Immer neue Details kommen ans Licht

Seit der 39-jährige Hasan Yildiz, ein Gastronom aus Bad Kreuznach, am Sonntagabend im Magdalenenhäuser Weg auf offener Straße in seinem Porsche durch mehrere Schüsse getötet wurde, kommen immer neue Details ans Licht. Im Zuge der Ermittlungen gerieten am Dienstag zwei Männer ins Visier von Polizei und Staatsanwaltschaft. Es habe Hinweise auf Verstöße gegen das Waffengesetz gegeben, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung am Mittwochmittag. Daraufhin durchsuchten zwei Spezialeinsatzkommandos aus Hessen und Rheinland-Pfalz am frühen Dienstagabend zwei Wohnungen in Aßlar sowie ein Restaurant und eine Spielothek in Ehringshausen, die von den Männern betrieben werden. Eine Schusswaffe wurde sichergestellt. Woher sie stammte und ob es sich um die Tatwaffe aus Wetzlar handelt, ist nicht bekannt.

Verletzt wurde bei dem Einsatz niemand. Einer der Männer ließ sich widerstandslos festnehmen. Nach der erkennungsdienstlichen Behandlung und Vernehmung wurde er wieder entlassen. Der zweite Mann wurde weder in Aßlar noch in Ehringshausen angetroffen. Im Zuge der Durchsuchungen nahm die Polizei jedoch zwei weitere Männer vorläufig fest, um Personalien festzustellen. Anschließend durften auch sie die Polizeistation wieder verlassen.

Am Mittwochmittag rückte die Polizei dann erneut mit einem größeren Aufgebot im Magdalenenhäuser Weg an. Es habe sich um weitere Ermittlungen gehandelt, erklärte ein Polizeisprecher anschließend.

Tödliche Schüsse, Razzien und Festnahmen - doch die Vorgeschichte für diesen Fall spielt in der Türkei. Es ist die Geschichte eines erbitterten Streits in einer Großfamilie, der bis aufs Blut geführt wird. Von außen schwer zu durchschauen. Klar ist: In der Familie stehen sich verfeindete politische Lager gegenüber. Der Versuch einer Erklärung: Die Familie Yildiz gehört nach Informationen aus der Türkei zur Bevölkerungsgruppe der Zaza, die vorwiegend in Ostanatolien lebt. Die meisten Zaza sehen sich als Kurden, andere hingegen betonen ihre eigene Identität.

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Am Ende geht es möglicherweise um Rache

Ob sich Kurden in Opposition zum türkischen Staat sehen, ist vielfach eine Frage der Glaubensrichtung oder der gesellschaftlichen Stellung, nicht unbedingt der ethnischen Zugehörigkeit.

Hidir Yildiz ist Bürgermeister von Yabanardi und in dieser privilegierten Funktion auch eine Stütze des von Recep Tayyip Erdogan geführten Staates. Er führte das Erdogan-Lager in dem kleinen Dorf im Südosten der Türkei an. Sein Bruder Abdurrezzak hingegen kämpfte gegen die Herrschaft Erdogans, der nach einer Phase der Annäherung wieder einen blutigen Feldzug gegen die Minderheit der Kurden führt. Abdurrezak stand in Yabanardi also an der Spitze der Erdogan-Gegner. Er und sein Sohn Seyhmus wurden am 16. April 2017, dem Tag des Verfassungsreferendums getötet - mutmaßlich von Mehmet Yildiz, einem Sohn des Bürgermeisters. Der dritte Tote an diesem Tag: ein Verwandter, der Seyhmus ins Krankenhaus bringen wollte.

Was dies alles mit der aktuellen Tat in Wetzlar zu tun hat? Izzettin Yildiz, der mutmaßliche Schütze, wird dem Teil der Familie zugerechnet, der damals die Toten zu beklagen hatte. Sein Opfer Hasan, der Bad Kreuznacher, gilt als Vertreter des verfeindeten, Erdogan-freundlichen Familienlagers. Am Anfang also stand ein Streit über Politik. Und am Ende geht es möglicherweise einfach nur um: Rache.