Serie Artmap: Der Lesende vor der Rüsselsheimer Stadtbücherei

„Es ist, als ob man einen alten Bekannten wiedersieht“, sagt Sam Khayari, als er vor dem „Lesenden“ steht, der hinter Bäumen und Büschen versteckt in unmittelbarer...

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RÜSSELSHEIM. „Es ist, als ob man einen alten Bekannten wiedersieht“, sagt Sam Khayari, als er vor dem „Lesenden“ steht, der hinter Bäumen und Büschen versteckt in unmittelbarer Nähe zum Eingang der Stadtbücherei mit strengem Blick die Besucher beäugt. Die Bronzeplastik, die Khayari an seine Kindheit in der städtischen Bibliothek erinnert, wurde 1963 von dem Darmstädter Maler und Bildhauer Hermann Tomada erschaffen.

„Ohne das Schmökern und Stöbern in der Stadtbücherei hätte ich nie mit dem Malen oder Zeichnen angefangen“, erklärt der Rüsselsheimer Künstler seine besondere Beziehung zu dem „Lesenden“. In seiner Kindheit sei die Bücherei am Treff für ihn ein Zufluchtsort gewesen, da er jede Gelegenheit nutzte, um dort zu lernen. Oft sei er gemeinsam mit einem Freund der letzte gewesen, der die Bücherei verließ, „wir wurden immer ausgerufen“, erinnert sich Khayari lachend.

Wenn er einmal für längere Zeit nicht in die Stadtbücherei kommen konnte und dann das erste Mal wieder an seinen Zufluchtsort zurückkehrte, habe er immer das Gefühl gehabt, dass ihn der „Lesende“ ob seiner längeren Abstinenz mit vorwurfsvollen Blick angesehen habe, als wolle er sagen: „Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?“ Der hochaufgeschossene, hagere Mann mit dem ermahnenden Blick erinnere ihn auch an seine Schulzeit, als er selbst unter dem strengen Blick der Lehrerin vorlesen musste.

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Er habe immer das Gefühl, als ob man die Figur beim Lesen stören würde, meint Khayari, da der Blick der Skulptur nicht auf das Buch aus Kupferelementen, sondern auf die Passanten gerichtet sei. An sich sei das Kunstwerk eher untypisch für Tomadas Werke, die in der Regel viel abstrahierter als der „Lesende“ seien, der in seiner Körperhaltung eher naturalistisch daherkomme und als Skulptur für jeden erkennbar sei.

Den Platz des Kunstwerks empfindet der Rüsselsheimer als ungünstig und nicht angemessen, da die Skulptur von vielen hinter den Bäumen und den Büschen nicht wahrgenommen werde. Eigentlich gehöre es dazu, die Skulptur von allen Seiten betrachten zu können, was an dieser Stelle nicht möglich sei. „Ich fände es schön, wenn es um die Skulptur herum Sitzplätze gebe, damit die Leute selbst zum Lesenden werden können“, regt der Künstler an. Generell wünscht er sich für Kunst im öffentlichen Raum mehr Wertschätzung und vor allen Dingen auch eine entsprechende Pflege, die für ihn dazu gehöre. Stattdessen verschwinde die Skulptur regelrecht im Gestrüpp, „aus dem ,Lesenden‘ wurde der ,Verlorene‘“. Es sei an der Zeit, die Menschen für eine Erinnerungskultur zu sensibilisieren. So wäre eine Infotafel wünschenswert, „es muss ja keine Bronzetafel sein“. Auch eine Smartphone-App für eine Entdeckungstour durch die Opelstadt mit seinen Kunstwerken im öffentlichen Raum würde Khayari begrüßen.