Schwierige Wohnungssuche für Geflüchtete in Rüsselsheim

aus Krieg in der Ukraine

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Jürgen Merz aus Rüsselsheim beherbergt seit Anfang März zwei Gäste aus der Ukraine. Er sucht nach einer Wohnung für den Vater und dessen achtjährige Tochter. Doch der Wohnungsmarkt ist angespannt. Foto: Dorothea Ittmann

Nach bald vier Monaten in Rüsselsheim wollen die Ukraine-Flüchtlinge in eine eigene Wohnung ziehen. Damit beginnt eine lange und oft mühsame Suche auf dem Wohnungsmarkt.

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RÜSSELSHEIM. Wer in Rüsselsheim geflüchtete Menschen aus der Ukraine bei sich aufgenommen hat, verbringt meist einen Großteil seiner Zeit mit Anrufen bei den zuständigen Behörden. Zwar sind die ersten Hürden erfolgreich genommen, die Geflüchteten sind im Rüsselsheimer Stadtbüro angemeldet und bei der Ausländerbehörde registriert. Doch nach einem Vierteljahr sehnen sich die Quartiergeber nach Normalität, und auch die Gäste wünschen sich eigene vier Wände. Eine aufwendige und oft langwierige Wohnungssuche beginnt, obgleich die Kreisverwaltung nach dem Landesaufnahmegesetz für die Unterbringung verantwortlich ist.

In dieser Situation befindet sich Jürgen Merz aus Rüsselsheim. Seit Anfang März wohnen bei ihm ein Vater und dessen achtjährige Tochter. Die beiden waren vor dem Kriegsgeschehen in der Ukraine geflüchtet und zu Verwandten nach Ginsheim-Gustavsburg gereist. Aufgrund der dortigen beengten Wohnverhältnisse musste jedoch eine andere Bleibe gefunden werden. Jürgen Merz, der sich beim Kreis Groß-Gerau als möglicher Gastgeber gemeldet hatte, nahm Vater und Tochter bei sich auf. Dort teilen sie sich seither das ehemalige Kinderzimmer im ersten Stock; Küche und Bad benutzen die insgesamt fünf Bewohner des Reihenhauses im Ramsee-Viertel gemeinsam.

Gewobau hat Reserve für Geflüchtete

Merz wollte nicht länger auf einen Anruf der Kreisbehörden warten, er sah sich mit seinen Gästen in Rüsselsheim um und bemerkte dabei, dass diverse Wohnungen leer stehen. Bei einem Gespräch mit dem Fachdienst Asyl und Zuwanderung des Kreises Mitte April erfuhr er dann von einer „Reserve“, die die Wohnungsbaugesellschaft Gewobau dem Kreis zur Unterbringung von Geflüchteten zur Verfügung stellen wolle. Die Gewobau bestätigt dies auf Nachfrage dieser Zeitung. Dabei handle es sich um 15 Gästewohnungen zur längerfristigen Nutzung und weitere 27 temporäre Wohnungen, teilt das Unternehmen mit. Allerdings müsse man sich vorab noch mit den zuständigen Beteiligten des Landkreises abstimmen, bevor die Wohnungen übergeben werden.

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Derweil wächst die Nachfrage. Beim Fachdienst Asyl und Zuwanderung gingen laut Kreisverwaltung wöchentlich mindestens zehn Anfragen ein. Die Wohnungssuche gestalte sich schwierig. In Zeiten von Wohnungsknappheit werde auch die Kreisverwaltung mit Wucherpreisen konfrontiert. Erschwerend komme hinzu, dass Wohnungen und Häuser nicht immer sofort bezugsfertig seien, gibt der Kreis zu bedenken.

Mittlerweile hat Merz auf privatem Weg eine Dreizimmerwohnung in Rüsselsheim für seine Gäste gefunden, seit vier Wochen warte er auf eine abschließende Zusage. „Meine Gäste sind nun seit bald vier Monaten hier, ohne irgendeine Klärung“, ist der Rüsselsheimer enttäuscht.

Er denkt dabei nicht nur an die Wohnsituation, sondern auch an einen Arbeitsplatz. Der Vater und seine Tochter wollten in Deutschland bleiben. Während das Mädchen eine Intensivklasse an der Albrecht-Dürer-Schule besucht, lerne ihr Vater Deutsch an der Volkshochschule. Am liebsten hätte dieser schon die Ärmel hochgekrempelt, doch eine persönliche Vorsprache beim Jobcenter Groß-Gerau sei erst einmal nicht möglich, weiß Merz aus Telefonaten mit dem Amt.

Geflüchtete mit einem Aufenthaltsrecht erhalten seit 1. Juni im Bedarfsfall Hartz-VI‑Leistungen (SGB II) oder Sozialhilfe für Erwerbsunfähige und Grundsicherung im Alter (SGB XII). Da das Jobcenter für die Bearbeitung der Hartz-VI-Anträge zuständig ist, übermittle der Kreis nun alle ihm vorliegenden Fälle an das Amt, wo diese bis Ende August erfasst würden, wie Merz erfahren habe. Bis dahin gebe es keine Beratungstermine, um die Menschen in Arbeit zu vermitteln, bedauert er.

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Alle Hintergründe zum Ukraine-Krieg finden Sie in unserem: Dossier

„Ich kann meinem Gast nur schwer erklären, warum das hier so schwierig ist“, sagt Merz. Ihm sei durchaus bewusst, wie hoch derzeit die Arbeitsbelastung der Behörden ist. Sein Eindruck: Die erste Euphorie ist vergangen und damit auch die Flexibilität und der Wille zu unbürokratischen Lösungen.

Jürgen Merz wisse von anderen Rüsselsheimern, denen es ähnlich ergehe. Mancher stehe unter enormem Zeitdruck. Ohne feste Arbeit überlegten die ersten Geflüchteten, wieder zurück in die Heimat zu gehen, um ihre Existenzgrundlage nicht zu verlieren. Für ihn und seine Gäste sei die Situation nicht so akut. „Sie dürfen gerne noch länger bleiben, aber ich verstehe auch, dass sie sich eine eigene Perspektive wünschen“, sagt Merz und hofft, dass Vater und Tochter in Rüsselsheim ein Auskommen finden werden.