Schläge gegen Verdächtigen? Schwere Vorwürfe gegen...

Zeuge von Polizeigewalt sei er am Mittwochabend geworden, sagt Baeher Tatari aus Raunheim - hier am Schauplatz des von ihm und einem weiteren Passanten beschriebenen Geschehens in der Bahnhofstraße. Foto: Vollformat/Samantha Pflug

Ein Polizist schlägt in Rüsselsheim einem älteren Mann vier mal mit voller Wucht ins Gesicht, ein zweiter hält den Mann dabei fest - diesem Vorwurf der Polizeigewalt muss...

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RÜSSELSHEIM. „Es geht mir hier ums Prinzip“, sagt Baeher Tatari. „Dieser Vorfall betrifft uns alle. Die Gesetze gelten für alle Bürger. Auch für Polizisten. Mit welchem Recht schlagen Polizisten dann einen alten Mann, egal was er getan hat, auf brutale Art und Weise mehrfach ins Gesicht?“ Der Vorfall, der den 33 Jahre alten Raunheimer so in Rage bringt, ereignete sich nach seinen Angaben am Mittwochabend in der Rüsselsheimer Fußgängerzone.

Vom Verhalten zweier Beamter bei einem Polizeieinsatz in der Bahnhofstraße zeigt sich Tatari so erschüttert, dass er umgehend Anzeige wegen Körperverletzung gegen die Polizisten erstatten wollte. Die Aufnahme dieser Anzeige sei aber sowohl in der Polizeistation Rüsselsheim als auch in der Station Groß-Gerau verweigert worden, kritisiert der 33-Jährige. Inzwischen hat er, nach Rücksprache mit einem Frankfurter Rechtsanwalt, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt erstattet und zudem eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Landratsamt eingereicht.

Zeugenaussage, keine Anzeige

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Was war am Mittwoch geschehen? Gegen 20.30 Uhr sei er in einem Café in der Bahnhofstraße durch flackernde Blaulichter auf den Polizeieinsatz aufmerksam geworden, erzählt Tatari. Er sei hinzugetreten und habe gesehen, wie die Besatzungen zweier Streifenwagen – insgesamt vier Polizisten, zwei davon trugen Namensschilder – einen Mann festnahmen, der im fortgeschrittenen Alter zu sein schien und betrunken wirkte. Ihm wurden Handschellen angelegt. Zwei Polizisten hätten den widerspenstigen Mann auf den Rücksitz eines Polizeiautos verfrachtet und sich neben ihn gesetzt. Im Auto, so der Zeuge, habe ein Polizist den Festgenommenen festgehalten. „Der andere Polizist, der kein Namensschild trug, hat ihm viermal mit voller Wucht die Faust ins Gesicht geschlagen.“ Der Mann habe daraufhin im Gesicht eine blutende Wunde gehabt.

Tatari mischte sich ein, machte Fotos von den Polizisten und den Streifenwagen und fragte nach dem Namen des Beamten, der zugeschlagen habe. Dieser habe jedoch keinen Namen genannt, sondern seinen Ausweis kontrolliert und ihn genötigt, die Handyfotos umgehend zu löschen – andernfalls, so die Drohung, werde das Gerät beschlagnahmt. Tatari notierte daraufhin die Kennzeichen der Polizeiautos sowie Namen und Anschrift zweier Augenzeugen. Anschließend ging er zur Polizeistation Rüsselsheim, um Anzeige zu erstatten. Dies habe der dort diensthabende Beamte jedoch verweigert. „Er sagte, es würden keine Anzeigen aufgenommen, die sich gegen die eigenen Kollegen richteten“, berichtet der 33-Jährige. Auf der Polizeistation in Groß-Gerau habe man seinen Bericht nur als Zeugenaussage und nicht als Anzeige protokolliert.

Verschiedene Aussagen

Ein weiterer Augenzeuge schildert die Ereignisse in der Fußgängerzone gegenüber der Zeitung ähnlich. Der 25 Jahre alte Rüsselsheimer hat die Vorgeschichte der Festnahme teilweise verfolgt. Nach seinen Angaben war das spätere Opfer ein älterer Mann mit weißen Haaren, der einen Hund mit sich führte. Er sei offensichtlich betrunken gewesen. Ein anderer Mann habe ihn in der Bahnhofstraße verfolgt und mehrfach zu Boden gerissen. Der Betrunkene habe sich mit Schlägen gewehrt, ehe die Polizei auf der Bildfläche erschien. Der Rüsselsheimer, der wenig deutsch spricht, schildert die Festnahme ähnlich wie Tatari. Auch er habe beobachtet, wie der Mann auf der Rückbank festgehalten und dann mehrfach hart geschlagen wurde – allerdings nach seiner Wahrnehmung nicht ins Gesicht, sondern gegen den Oberkörper.

Die Polizei stellt den Vorgang auf Anfrage anders dar. Der Festgenommene sei ein 52 Jahre alter Mann gewesen, berichtet Bernd Hochstätter, Sprecher des Polizeipräsidiums Südhessen. Er stehe im Verdacht, in einer Gaststätte eine Tasche gestohlen zu haben. Dies habe ein 60 Jahre alter Mann beobachtet, der dem Verdächtigen folgte.

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Ermittlungen nach Strafanzeige

In der Fußgängerzone sei es daraufhin zu einem Gerangel gekommen, sagt der Polizeisprecher. Der 52-Jährige habe seinen Verfolger geschlagen; er sei daraufhin von mehreren Passanten festgehalten worden, ehe die Streifenbeamten hinzukamen. Als die Polizisten den 52-Jährigen festnehmen wollten, habe dieser Widerstand geleistet und die Beamten beleidigt, erklärt Hochstädter. Auch im Polizeifahrzeug habe der Mann die Gegenwehr fortgesetzt. „Er musste festgehalten werden.“ Das sei „mit einfacher körperlicher Gewalt“ geschehen. „Dabei kann man so jemanden nicht immer mit Samthandschuhen anfassen.“ Schläge habe es aber nicht gegeben.

Was den Zeugen Tatari angehe, so habe man seine Anzeige gegen Polizeibeamte „aus Neutralitätsgründen“ nicht in Rüsselsheim entgegengenommen, sagt der Polizeisprecher. In Groß-Gerau sei sie dann aber aufgenommen worden. Nun werde ermittelt.

Gegen den 52 Jahre alten Verdächtigen wird unterdessen nach Hochstädters Angaben wegen dreier Vorwürfe ermittelt: Diebstahl einer Tasche, Körperverletzung an dem 60-jährigen Verfolger sowie Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, weil er seinen Hund geschlagen haben soll. Das habe eine Passantin beobachtet.