Rüsselsheim: Wenn‘s in der Beziehung kriselt oder kracht

Wenn die Diplomatie versagt, ist guter Rat gefragt. Die Corona-Beschränkungen haben Konflikte in Familien aufbrechen lassen. Nicht immer steht in der Therapie allerdings die perfekte Lösung parat. Symbolfoto: Shotprime Studio

Veränderte Arbeits- und Lebensbedingungen aber auch Corona stellen Partnerschaften vor Herausforderungen. Die Nachfrage nach Paarberatungen bei Pro Familia in Rüsselsheim wächst.

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RÜSSELSHEIM. Homeoffice und soziale Isolation während der Corona-Pandemie haben den Ehen und Lebensgemeinschaften nicht gutgetan. Die Fallzahlen in der Pro-Familia-Beratungsstelle in Rüsselsheim steigen allerdings nicht erst seit 2019, gewährt Familientherapeutin Andrea Gürke einen Einblick in die interne Statistik. Im Jahr 2017 verzeichnete Pro Familia 240 Paarberatungen, zwei Jahre später waren es schon 385.

Durch den ersten Lockdown von März bis Mai 2020 seien die Zahlen kurzzeitig eingebrochen, sodass die drei Mitarbeiterinnen für systemische Familienberatung bei Pro Familia nur 283 Gespräche im Jahr führten. Allerdings sei der Anteil der Partnerschaftsberatung an den Beratungen insgesamt auf rund 31 Prozent angewachsen, zehn Prozentpunkte mehr als noch vor fünf Jahren, so Gürke. 2021 kletterte die Nachfrage mit 383 Klienten wieder auf das Niveau von 2019.

Spürbaren mehr Anfragen nach Trennungsberatungen

„Die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen während der Pandemie haben zu einem spürbaren Anstieg der Anfragen nach Trennungsberatungen geführt“, schlussfolgert die Familientherapeutin. Dies betreffe sowohl jüngere Paare in der Findungsphase als auch ältere Paare mit mehr als 35 Ehejahren gleichermaßen. Verbringen Kinder und Partner durch die Corona-Beschränkungen längere Zeit zu Hause, löse dies vor allem bei Paaren und Familien in prekären Situationen Konflikte aus. „Die Situation wird noch dadurch erschwert, dass es kaum bezahlbaren Wohnraum gibt und ein Ausziehen aus einer gemeinsamen Wohnung sich sehr lang hinziehen kann“, sagt Gürke.

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Wie sehen solche Konfliktsituationen aus? Eine junge Mutter blieb mit ihrem Kleinkind zu Hause, ihr Mann war die ganze Woche beruflich unterwegs. Mit mehr als einer Kontaktperson durfte sie sich nicht treffen. Die Vereine und Organisationen hatten ihre Angebote eingestellt. Gesprächskreise für Eltern trafen sich nicht mehr, Babyschwimmen war abgesagt, die Krabbelgruppe um die Ecke hatte zugemacht. Die verzweifelte Mutter wendete sich in ihrer Not an Pro Familia: „Ich bin total isoliert, ich bin eingesperrt im Haus.“ Die Frustration und Verzweiflung hätten der jungen Familie schaden können, gemeinsam mit der Therapeutin sei eine Lösung erarbeitet worden.

Pro & Contra Corona-Impfung entzweit Paare

Andrea Gürke weiß von einem weiteren Fall zu berichten, in dem eine junge Mutter große Angst davor hatte, dass sich ihr Neugeborenes mit dem Coronavirus anstecken könnte, was schließlich auch die Beziehung zu ihrem Partner auf eine harte Probe stellte. Die Frau entwickelte eine Zwangsneurose. „Sie hat alles gewaschen und desinfiziert, selbst Kleidungsstücke hat sie desinfiziert.“ Als sich die junge Mutter mit ihrem Kind nicht mehr vor die Tür traute, wendete sich das Paar an Pro Familia und holte sich wenig später therapeutische Hilfe.

Und was tun, wenn die Eheleute unterschiedlicher Ansicht beim Thema Corona-Impfung sind? „Der Mann war ein Impfgegner, seine Frau hat sich und die Kinder impfen lassen. Das hat zu massiven Streitereien geführt“, erinnert sich Gürke. Die Fronten seien verhärtet, ein Diskurs kaum möglich gewesen.

Mit Beratung ist es nicht immer getan

Diese und andere Situationen stellen die Familientherapeuten vor große Herausforderungen. Mit konfliktregulierender Beratung und lebenspraktischen Tipps ist es nicht immer getan. In rechtlichen Angelegenheiten können Paare bei Pro Familia eine familienrechtliche Sprechstunde in Anspruch nehmen. Männer und Frauen, die kurz vor einer Trennung stehen, hätten beispielsweise Fragen zur Wohnsituation, Finanzen, Unterhalt, Sorge- und Umgangsrecht bei Kindern. Häusliche Gewalt sei glücklicherweise selten ein Thema.

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Bei schweren Fällen kann die Therapeutin an Ärzte und Behörden verweisen. Hilfestellung in schwierigen Lebenssituationen bieten außerdem der Kinderschutzbund, die Caritas sowie die Erziehungs- und Familienberatung im Kreis Groß-Gerau. Wer zur Paarberatung geht, dürfe nicht erwarten, dass der Familientherapeut die perfekte Lösung parat hat. „Viele denken, ich bin ein Schiedsrichter und hole die Rote Karte raus“, weiß Gürke. Dem sei aber nicht so. Beide müssten bereit sein, ihre Haltung zu überdenken. Doch 60 bis 70 Prozent der Paare wollten ihr Verhalten nicht ändern.

„Menschen sind nun einmal verschieden“

Die Erkenntnis der Familientherapeutin: „Menschen sind nun einmal verschieden“. Entscheidet sich ein Paar, getrennte Wege zu gehen, sei dies nicht unbedingt schlecht, findet Gürke. Nicht jede Beziehung sei glücklich. Beide Parteien müssten vielmehr lernen, wie sie mit der Konfliktsituation richtig umgehen – seien es Versagensängste, Zwangsneurosen oder Impfdebatten.