Kaum Trost für große Familien: Rüsselsheimer Gewobau kann...

Haus um Haus, Einheit um Einheit versucht die Gewobau, dem Mangel an Wohnungen für größere Familien entgegenzuwirken. Jüngstes Beispiel ist die Brandenburger Straße 7. Und doch ist es kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Foto: Gewobau

Fast 3000 Menschen warten in Rüsselsheim darauf, eine neue Bleibe zu finden - darunter auch viele große Familien. Gerade sie haben es aber auf dem Wohnungsmarkt schwer, räumt...

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RÜSSELSHEIM. Momentan verzeichnet die Gewobau auf ihrer Warteliste nach Angaben des Geschäftsführers 2726 Wohnungssuchende (28 Prozent mit einem Berechtigungsschein für eine Sozialwohnung), darunter 180 fünf- und mehrköpfige Familien. Gerade deren Nachfrage binnen kurzer Zeit zu befriedigen sei vollkommen unmöglich, macht Torsten Regenstein deutlich. Dennoch lohne es sich auch für sie, Interesse anzumelden und übrigens immer wieder zu erneuern. „Daten dürfen ohne weitere Begründung nicht mehr länger als ein halbes Jahr aufgehoben werden. Es ist also nötig, auf unserer Homepage aktiv zu bleiben. Obendrein ist es immer gut, sich umzusehen. Wir sind nicht der einzige Anbieter.“

Pro Jahr werden etwa 450 Gewobau-Wohnungen gekündigt. „Für jeden, den eine frei werdende Wohnung glücklich macht, gibt es also sechs, die unglücklich sind, weil sie bei diesem Mieterwechsel leer ausgehen“, weiß Regenstein. Er sei sich bewusst, dass hinter jedem Antrag ein Schicksal steht. „Wir bemühen uns nach bestem Wissen und Gewissen, zu helfen. Aber Schicksale gegeneinander aufrechnen können wir nicht.“ Und keine der registrierten Familien sitze ja auf der Straße, sie suchten halt etwas Passenderes

Große Familien haben große Probleme bei der Suche

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Die Nachfrage nach Wohnraum für größere Familien sei schon seit vielen Jahren unvermindert hoch. „Das ist die Folge der Wohnungsbaupolitik der vergangenen 40 Jahre.“ Sozialwohnungsbau, der gerade kinderreicheren Familien gerade noch bezahlbaren Wohnraum beschert, sei kaum mehr gefördert worden. Und im Blick auf viele nachwuchsärmeren Familien habe man gerade noch für zwei- bis dreiköpfige gebaut. Das aufholen zu wollen, sei Schwerstarbeit.

Für die kommenden Jahre sind höhere Schülerzahlen angekündigt, auch ein zumindest vorübergehender Anstieg der Zahl von Familien mit drei oder mehr Kindern durch Zuzug und kulturelle Gewohnheiten von Flüchtlingen wird vorhergesagt. Einen klar formulierten Auftrag der Politik an die Gewobau, dem Rechnung zu tragen, gebe es nicht, erklärt Regenstein. „Wir wissen selbst, was der Markt verlangt. Bei Modernisierungen nach Auszug schauen wir, ob wir Wohnungen zu größeren vereinigen können. Aber welcher Nachbar einer leeren Wohnung möchte dafür schon weichen?“, gibt der Geschäftsführer zu bedenken. „Wir haben momentan kein einziges unbebautes Grundstück. Also schauen wir, wo wir im Bestand nachverdichten können, Grünflächen und Parkplätze bebauen. Im Moment ermitteln wir, wo Aufstockungen möglich wären.“ Damit setze man die Stadtverwaltung unter Zugzwang. „Ohne entsprechende soziale Infrastruktur geht so etwas nicht.“

Keine Fixierung auf nur eine Gruppe

Neben Baulandmangel seien extrem hohe, jährlich um weitere drei bis vier Prozent steigende Baukosten ein Hindernis, mehr Wohnungen, erst recht große, zu errichten. „Wenn uns bei gut gefüllten Auftragsbüchern der Baufirmen untragbare Kostenplanüberschreitungen 20 bis 30 Prozent drohen, verschieben wir die Ausführung und warten bessere Angebote ab. Die kommen, wenn die Betriebe weniger ausgelastet auf Aufträge angewiesen sind.“

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Seniorengerechte Wohnungen, Familien- und Single-Wohnungen: Die Gewobau habe diese und viele weitere Nachfragen zu beantworten, eine absolute Fixierung auf eine Gruppe könne es nicht geben, erklärt Regenstein. „Wir schauen, was wo für wen passen könnte.“ Allen zu helfen, könnten Politiker einiges beitragen. „Der Bund sollte uns keine weiteren energetischen Kosten aufbürden. Damit die Baukosten nicht übersteigen, was die Förderung durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau bietet.“

Bitter nötig sei eine Erhöhung der Investitionszuschüsse des Landes. Die Landesregierung solle zudem die Bauordnung vereinfachen. „Hoher Planungsaufwand erhöht die Kosten.“ Die Kommunalverwaltung sollte weitere Grundstücke übertragen, außerdem die eigenen Wohnbauförderungsmittel aufstocken. „Groß-Gerau investiert jährlich eine Million, Bischofsheim 800.000 Euro, Rüsselsheim 55.000 Euro.“ Außerdem gäben manche Kommunen Darlehen zu null Prozent. All das komme gerade auch kinderreichen Familien entgegen.

Von Michael Wien