Ist der Bulli-Urahn Rüsselsheimer?

aus Opel

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Der Prototyp des Opel Blitz 1.5-23 COE aus den 1930er Jahren

Ein bisher unbekannter Prototyp aus den 1930er Jahren zeigt große Ähnlichkeit mit dem späteren VW-Modell.

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Rüsselsheim. Ein Opel-Lieferwagen vom Ende der 1930er Jahre, der aussieht wie eine Blaupause für den ersten VW-Bus; ein ehemaliger Opel-Vorstand, der später als VW-Chef Karriere machte und als erstes Projekt nach dem Käfer den VW-Bulli präsentierte – acht alte Schwarz-Weiß-Fotos schaffen enormen Raum für spannende automobilhistorische Spekulationen.

Doch zunächst zu den unbestrittenen Fakten. Ein Zufallsfund aus dem September 2020, den Opel jetzt öffentlich machte, hat den Fokus auf ein fast vergessen geglaubtes Stück Rüsselsheimer Automobilgeschichte gelenkt: das Projekt 1.5-23 COE. Hinter dem schnöden Kürzel in der typischen Opel-Nomenklatur verbirgt sich ein Fahrzeug mit 1,5 Liter Hubraum, rund 2,3 Meter Radstand und dem Fahrerraum über dem Motor (COE, Cab over engine). Was heutzutage übliches Bauprinzip einer Vielzahl von Transportern ist, war Mitte der 1930er Jahre ungewöhnlich. Die einzigen beiden deutschen Frontlenker-Vertreter von Goliath und Magirus stammten laut Opel aus den frühen 1930er Jahren und kamen mit einem spartanischen, würfelförmigen Führerhaus daher. Als Antrieb dienten ihnen Zweitakt-Zweizylindermotoren.

Ein Model des Prototyps des Opel Blitz 1.5-23 COE
Als Modell zu haben. In 200er-Auflage steht der Prototyp zum Verkauf. Die Farbe entspricht den Lackierungen der Zeit. Über den exakten Ton geben die Schwarz-Weiß-Fotos keine Auskunft. (© Opel)

Zu dieser Zeit war Opel bei den Nutzfahrzeugen Marktführer mit verschiedenen Versionen des legendären Blitz, die jedoch alle über einen klassischen Aufbau mit langer Motorhaube und anschließender Fahrerkabine verfügten. Das bislang unveröffentlichte und nun von der Opel-Presseabteilung verbreitete Bilderset zeigt dagegen einen serienreifen Kleintransporter in Frontlenkerbauweise, also mit flacher Front.

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Kaum Informationen über den Frontlenker-Lieferwagen

Ein Umstand, der selbst die Experten von Opel Classic erstaunte, wie Pressesprecher Leif Rohwedder im Gespräch einräumt. Er selbst sei mehr als überrascht gewesen, als ihm Eckhart Bartels von der Alt-Opel IG, selbst ausgewiesener Kenner der Materie und Opel-Blitz-Spezialist, von der Online-Auktion eines Automobilia-Händlers berichtete. Acht Fotos aus dem Jahr 1939 standen zum Verkauf, 24 mal 18 Zentimeter groß, auf der Rückseite gestempelt mit „Opel-Werkfoto“. Die Aufnahmen im Internet waren zwar verfremdet, doch was darauf zu erkennen war, ließ in Rohwedder schnell die Überzeugung reifen: „Das kennen wir doch gar nicht.“ Die nüchterne Beschreibung in dem Online-Katalog legte nah, dass auch dem Verkäufer die Bedeutung dieser Bilder nicht bewusst war. Kein Wort von einem bisher unbekannten Modell, kein Hinweis auf die historische Bedeutung.

Doch Leif Rohwedder war elektrisiert. Seine Recherchen liefen zunächst ins Leere. „Keiner kannte etwas.“ Weder die Experten aus der Opel-Oldtimerszene noch die eigene Classic-Abteilung konnten mit dem Frontlenker-Lieferwagen zunächst etwas anfangen. Es musste sich um einen bisher unbekannten Prototypen handeln.

„Das muss man dann wohl haben“, schildert Rohwedder seinen Entschluss, das Bilderkonvolut für das Archiv des Autobauers zu sichern. Bei 951 Euro bekam er den Zuschlag. Ein ungewöhnlich hoher Preis für solche Fotos, die sonst für um die 50 Euro pro Stück gehandelt würden. Ob es mehrere Bieter gab, gar wer die Konkurrenten um den Bilderschatz waren – Leif Rohwedder weiß es nicht. Wichtig war ihm, dass die Fotos in den Besitz von Opel kommen. „Einen Ticken mehr hätte ich auch noch bezahlt“, bekennt er.

Skizze zum fünfzehnsitzigen Opel Kleinbus Typ 1,5-23 COE (Cab over engine), 1938
Opel hatte noch viel vor. Auf dem Zeichenbrett ist auch eine 15-sitzige Variante für den Personentransport entstanden. (© Opel)
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Als Rohwedder die Bilder in den Händen hatte, setzte er das Archivteam auf das Thema an. Es konnte einfach nicht sein, dass es keine Unterlagen zu dem kleinen Lieferwagen mit geteilter Frontscheibe, senkrecht und mittig geteilter Heckklappe und dem vom Art Deco inspirierten Kühlergrill gibt. „Wir haben das Archiv auf links gedreht“, sagt er – und tatsächlich, man wurde fündig. In einem Vorstandsprotokoll aus dem Oktober 1937 wurde das Projekt in einer Zeile erwähnt. Viel ergiebiger war dagegen die ebenfalls entdeckte interne englischsprachige Händlerbroschüre von Ende 1936, die mit weiteren Fotos und vor allem technischen Details aufwartete. Mit dem wassergekühlten Viertaktmotor aus dem Opel Olympia wäre der Ein-Tonner der zweitaktenden Frontlenker-Konkurrenz überlegen gewesen, der Einbau des 2,5-Liter Sechszylinders aus dem Opel Kapitän in die 1,5-Tonner-Variante mit Zwillingsbereifung war ebenfalls geplant.

Leichte Nutzfahrzeuge als nicht kriegswichtig eingestuft

Darüber hinaus konnten durch den Fotofund nun auch fünf im Opel-Archiv befindliche Profil-Zeichnungen zugeordnet werden. Sie zeigen neben dem Lieferwagen auch Pritschenwagen und eine 15-sitzige Kleinbus-Variante. Doch warum kam das für das Modelljahr 1939 geplante Modell nicht über den Prototyp hinaus? Die Gründe vermutet Opel in den deutschen Kriegsvorbereitungen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre. Leichte Nutzfahrzeuge waren als nicht kriegswichtig eingestuft, Opel musste mit einer erzwungenen Einstellung des Fahrzeugs rechnen. Der seit 1933 angebotene Blitz-Eintonner mit Haube sei dann auch 1940 auf Anweisung vom Markt genommen worden. Die Wiederaufnahme der Fahrzeugproduktion in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre erfolgte mit den nur leicht modifizierten Vorkriegsmodellen Olympia, Kapitän und Blitz 1,5-Tonner.

Und ist der Opel auch ein Vorfahre des VW-Bulli? Belege dafür gibt es, abgesehen von der äußeren Ähnlichkeit, nicht, wohl aber Indizien. Heinrich Nordhoff, der seit 1929 bei Opel arbeitete, in den Vorstand aufstieg und das Opel-Nutzfahrzeugwerk in Brandenburg seit 1942 leitete, wurde 1948 Generaldirektor des Volkswagenwerks, wo 1949 der VW-Bus (Typ 2, T1) vorgestellt wurde, die Serienproduktion begann 1950.

Der Prototyp ist vermutlich im Krieg zerstört worden, so Rohwedder, weitere Exemplare seien nicht bekannt. Ein Scheunenfund des Frontlenker-Blitz sei „extrem unwahrscheinlich“, die Sensation dagegen umso größer. Als 1:43 Modell aus Resin ist der Transporter dagegen für 99,95_Euro zu haben. Beige lackiert und mit den schwarz abgesetzten Kotflügeln kann er es optisch mit jedem Bulli aufnehmen.

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