„Erinnern und Vergessen“

Sam Khayari betrachtet die Fassaden der Häuser Ecke Ernst-Barlach-Straße/Käthe-Kollwitz-Straße. Dort ist 1993 das Kunstwerk „Erinnern und Vergessen“ angebracht worden. Foto: VF/Volker Dziemballa

Die Künstlergruppe „Wendemaler“ hat für Kreativnomade Sam Khayari besondere Bedeutung. Nicht nur mit ihrem Kunstwerk „Erinnern und Vergessen“ hat die Gruppe Spuren hinterlassen.

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RÜSSELSHEIM. Die Idee klang vielversprechend: Im Künstlerviertel sollte Anfang der neunziger Jahre an den Fassaden der Häuser Ecke Ernst-Barlach-Straße/Käthe-Kollwitz-Straße das Kunstwerk „Erinnern und Vergessen“ der Rüsselsheimer Künstlergruppe „Wendemaler“ in Gedenken an die beiden namensgebenden Künstler der Straßen entstehen. Dabei war vorgesehen, eine moderne Adaption des Güstrower Ehrenmals „Der Schwebende“ (1927) von Barlach, der die Gesichtszüge von Kollwitz trägt, und des Reliefs „Die Klage. Selbstbildnis um den Tod Barlachs klagend“ (1938/39) von Kollwitz in zwei Acrylplatten geritzt an zwei Halterungen vor den beiden Hausfassaden anzubringen. So weit, so gut.

1993 wurde das Kunstwerk schließlich fertiggestellt und wie vorgesehen angebracht. Durch den Einfall des Sonnenlichts sollten die beiden Reliefs an die Häuserwände projiziert werden. Da es sich dabei aber um die Nordseite der beiden aneinandergrenzenden Häuser handelte, die zwangsläufig permanent im Schatten liegt, geriet das ganze Projekt zum Schildbürgerstreich, was der Gruppe um den Künstler Uwe Wenzel damals Hohn und Spott einbrachte.

Obwohl sich der gewünschte Effekt des Kunstprojekts in Ermangelung der direkten Sonneneinstrahlung nie einstellte, bewertet der Künstler Sam Khayari das Kunstwerk als „schöne Hommage“ an die beiden Künstler Kollwitz und Barlach, die eine tiefe Freundschaft verband. Vielleicht lasse sich ja nachträglich mittels LED-Technik der gewünschte Effekt erzielen.

Sowohl Barlach (1870-1938) als auch Kollwitz (1867-1945) waren dem NS-Regime im Dritten Reich mit ihrer Kunst ein Dorn im Auge. Sie wurde von den Nationalsozialisten öffentlich als „entartet“ bezeichnet. Viele ihrer Kunstwerke wurden beschlagnahmt oder zerstört. Da Khayari unweit des Acrylreliefs in der Lucas-Cranach-Straße aufwuchs und die „Wendemaler“ mit ihren Werken ihn auch auf seinem späteren Schulweg zur Immanuel-Kant-Schule begleiteten, habe die Gruppe, die „sehr viele Spuren“ in der Stadt hinterlassen habe, für ihn „eine ganz besondere Bedeutung“. Die Künstlergruppe habe damals gegen den Standard agiert und viel politische Meinung in die Welt getragen. Unter anderem hätten die „Wendemaler“ auch gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen protestiert, erinnert sich der „Kreativnomade“.

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Aktuell herrsche wieder solch eine Widerstandsphase, meint Khayari: „Es wird Zeit, dass sich eine neue Truppe findet.“ Die Bildung einer Künstlergruppe solle seiner Meinung nach dazu dienen, eine „Message“ zu verbreiten und auch ein gemeinsames Bewusstsein zu entwickeln. Kunst dürfe zu keinem Verwaltungsinstrument verkommen und müsse wieder verstärkt in den Verantwortungsbereich der Künstler rücken. Es sei wieder an der Zeit, den Freiheitsgedanken auszuleben, „dafür wünsche ich mir Mitstreiter.“