Das „Familientreffen“ hat Symbolcharakter

Sam Khayari an der Skulptur „Familientreffen“, die für ihn neben Diversität und gelebter Multikulturalität aufgrund der Materialwahl auch die Stadtindustrie verkörpert. Foto: Vollformat/Volker Dziemballa

Im letzten Stück unserer Serie setzt sich Sam Khayari mit der von Opel-Azubis gefertigten Porträtskulptur auseinander.

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RÜSSELSHEIM. Sie sind im ganzen Stadtgebiet zu finden und gehören zweifelsohne zu den bekanntesten Kunstobjekten in der Opelstadt: die Stahlskulpturen des „Familientreffens“. Die serielle Skulptur verkörpert nach Meinung des Rüsselsheimer Künstlers Sam Khayari neben Diversität und gelebter Multikulturalität aufgrund der Materialwahl auch die Stadtindustrie, allen voran die Firma Opel, für die sowohl sein Vater als auch sein Großvater arbeiteten.

„Ohne Opel wäre mein Opa nicht in Deutschland geblieben“, betont der Künstler, der als Gastarbeiterkind und Sohn marokkanischer Migranten viele Aspekte seiner Familiengeschichte in der Skulptur vereint sieht. Die Entwicklung der Firma Opel sei für ihn auch Teil der Familiengeschichte, weshalb er eine besondere Verbundenheit zu dem Kunstwerk verspürt, dessen Omnipräsenz im Stadtgebiet es einem schwer mache, auswendig alle Standorte aufzuzählen.

Die nach einer Architektenschablone von Opel-Azubis gefertigte Porträtskulptur einer prototypischen Familie wurde seinerzeit aufgrund ihrer Schlichtheit und, wie so oft in der Kunst, ihrer Kosten vielfach kritisiert. Auch die „Entführung“ eines Exemplares im Frühjahr 1993 nach Flörsheim hatte für große Aufregung gesorgt. Die Täter hatten die Skulptur nicht nur mithilfe eines Schweißbrenners vom Betonsockel getrennt und entwendet, sondern sie auch mit den Sprüchen „Mach mal blau“ und „Finger weg vom Asylrecht“ sowie Herzchen, dem Opelblitz und dem Gleichgeschlechtigkeitszeichen verziert.

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Ihren Anfang nahm das serielle Kunst-Projekt 1992 im Rahmen des „Kultur-Sommers“. Sechs lebensgroße Exemplare der Serienskulptur des in Nauheim geborenen Bildhauers Ottmar Hörl wurden damals an verschiedenen Orten im Stadtgebiet aufgestellt, jedes in einer anderen Farbe. Im März diesen Jahres wurde die mittlerweile achte, diesmal in Überlebensgröße gefertigte und erste bunte Skulptur der „Hörl-Familie“, wie die Reihe auch immer wieder genannt wird, in einem Schaufenster des ehemaligen Karstadtgebäudes enthüllt. Im kommenden Jahr soll der jüngste Sprößling des „Familientreffens“ dann zum Einkaufszentrum nach Königstädten umziehen, um dort seinen ihm angedachten Platz einzunehmen.

Für Khayari steht die Skulptur für ein buntes und schönes Rüsselsheim, was während des Hessentages im vergangenen Jahr auch in besonderem Maße seinen Ausdruck gefunden habe.

Die auf den ersten Blick doch arg puristisch gehaltene Stahlskulptur – eine „Darstellung im Toilettenschilderstil“, wie sie im März 1993 in der Berliner Tageszeitung „taz“ bezeichnet wurde – bezieht für den Sohn einer Gastarbeiterfamilie seinen besonderen Reiz gerade aus dieser Schlichtheit, die alle Menschen in der Opelstadt einbeziehe, eben auch die Migranten, die als Gastarbeiter untrennbar mit der Geschichte des Automobilherstellers und damit auch der Stadtgeschichte verbunden seien. Insofern sei er selbst im Grunde der Prototyp eines Rüsselsheimers.