Begegnen - Erinnern - Forschen: Stiftung Alte Synagoge in...
Jeder Rüsselsheimer wird vermutlich schon einmal in der Mainzer Straße 19 vorbeigefahren sein. Aber die wenigsten werden wahrgenommen haben, dass sich hinter dieser Fassade,...
RÜSSELSHEIM. Jeder Rüsselsheimer wird vermutlich schon einmal in der Mainzer Straße 19 vorbeigefahren sein. Aber die wenigsten werden wahrgenommen haben, dass sich hinter dieser Fassade, die als einzige zurückgesetzt an der Straße steht, etwas Besonderes verbirgt. Ein Stück Rüsselsheimer Geschichte, das drohte, immer mehr in Vergessenheit zu geraten.
Wenige Meter hinter dem Rathaus Richtung Bischofsheim steht die ehemalige Rüsselsheimer Synagoge. Seit der Pogromnacht 1938 ist nichts mehr davon übrig geblieben, was an das einstige jüdische Leben an diesem Ort erinnert. „Sie wurde so entstellt“, schüttelt Dr. Bärbel Maul den Kopf darüber, dass schon zwei Wochen nach den schrecklichen Ereignissen mit dem Umbau in ein Wohnhaus begonnen wurde. Die Leiterin des Rüsselsheimer Stadt- und Industriemuseums ist eine von fünf Vorstandsmitgliedern der Stiftung Alte Synagoge. „Begegnen – Erinnern – Forschen“ lautet seit 2008 das Leitmotiv der Stiftung ebenso wie „Erinnerung braucht Zukunft“.
Die Arbeit ist gar nicht so einfach. Denn jüdisches Leben gibt es in Rüsselsheim schon lange nicht mehr. 1930 waren gerade einmal noch 50 Juden der ohnehin nie sehr großen Gemeinde in der Stadt, 1945 war es nur noch eine Jüdin. Und da die Juden als einfache Bürger nur wenige Spuren in Archiven hinterlassen haben, gibt es nur begrenzte Kenntnisse, hat Dr. Jens Scholten vom Stadt- und Industriemuseum festgestellt. Zeitzeugen zu befragen, sei in Rüsselsheim versäumt worden, als es noch möglich gewesen sei. „Jetzt ist das aussichtslos“, sagt Maul.
Die Nachforschungen gestalten sich schwierig
Entsprechend schwierig ist die Spurensuche. Dies gilt nicht nur für das jüdische Leben, sondern auch für die Synagoge, die – mit einem Vorgängerbau – seit dem 17. Jahrhundert dort gestanden hat. Denn in dieser Schicksalsnacht leistete die SA-Standarte 22/Brigade Starkenburg ganze Arbeit: Mithilfe eines Rammbocks dringt sie ins Gebäude ein, entweiht Kultgeräte und verbrennt Thorarollen und weiteres. Dass das Gebäude selbst nicht angezündet wurde, sei dem Umstand zu verdanken, dass in der oberen Etage ein „arisches“ Hausmeisterpaar wohnte, zudem die Bebauung sehr dicht war, wie Maul erläutert.
Wie genau die Synagoge einst ausgesehen hat, wie sie vor allem eingerichtet war, ist nur ausschnittsweise bekannt. Denn aus der Zeit vor 1938 existiert nur ein einziges Foto, eine Außenaufnahme des 1845 fertiggestellten Gebäudes. Anhand dieses Fotos versucht die Stiftung, nach und nach möglichst viele Erinnerungen wieder sichtbar zu machen. „Rekonstruieren ist überhaupt nicht unser Ansatz“, betont Maul, „wir wollen ja hier kein Disneyland schaffen.“ Im Putz sind daher beispielsweise seit Anfang dieses Jahres die einstigen Rundbögen der Fenster nachgezeichnet, der Vorgarten wurde nach historischem Vorbild mit Zaun, Bäumen, Beeten wieder hergerichtet, die Dachgauben entfernt. Die Giebelwände sind vermutlich das einzige, was beim Umbau in ein Wohnhaus noch stehen geblieben ist. Viele seien enttäuscht, wenn sie das Haus beträten, berichtet die Historikerin. Denn drinnen sieht es aus wie ein Wohnhaus, von Gebetsraum oder Empore ist rein gar nichts mehr zu sehen. „Aber es wird dann klar, was 1938 passiert ist.“
Mittelfristiges Projekt ist die Entkernung und Herrichtung des einstigen Gebetssaals, für die aktuell eine Kostenschätzung erstellt werde. Dann könnte das in kleine Räume geteilte Erdgeschoss auch besser für Veranstaltungen genutzt werden. Auch überlege man, eine Wand freizulegen, in der Hoffnung, noch Spuren auf den Thoraschrein zu finden, der von der Raumanordnung sich nur auf dieser Seite befunden haben könne. Unklar ist auch der genaue Ort der Mikwe, des rituellen Bads einer Synagoge. Wahrscheinlich führte der Weg vom Keller in den Garten, lässt zumindest ein Plan vermuten, in dem die Mikwe eingezeichnet ist, erläutert Willi Braun, Vorsitzender des Vorstands und von Anfang an in der Stiftung engagiert.
"Wir sind keine religiöse Stiftung"
„Es ist alles eine Frage der Finanzen“, sagt Braun. Die Gewobau, die 2005 die Immobilie aus Privatbesitz erworben hat, ist Stifterin. Mieteinnahmen aus den zwei kleinen Wohnungen oben in der ehemaligen Synagoge sowie von zwei Mietshäusern, wovon eines die städtische Wohnbaugesellschaft der Stiftung übertragen hat, sichern die Finanzierung. Und natürlich Spenden. Etwa 150.000 Euro hat die Stiftung seit 2008 in das Gebäude gesteckt. Dazu kommen rund 15.000 Euro im Jahr, die für Veranstaltungen wie beispielsweise Lesungen und Konzerte sowie die Projektförderung von Schulklassen zur Verfügung stehen. Denn die nachfolgenden Generationen mit dem Thema vertraut zu machen, ist ein Ziel der Stiftung. Es gebe regelmäßig Exkursionen von Schulklassen, Theaterstücke oder Studientage, bei denen die jüdische Geschichte in Rüsselsheim erforscht werde, sagt Braun, früherer Leiter der Volkshochschule. Anlässe seien nicht die jährlichen Gedenktage. „Wir wollen nicht Verwalter von irgendwelchen Gedenkritualen sein“, sagt Maul. Daher gebe es auch nicht immer wiederkehrende Angebote, sondern es solle um ein „lebendiges Gedenken“ gehen. Religiöse Fragen stünden dabei nicht im Vordergrund. „Wir sind keine religiöse Stiftung“, betont Braun.
Gänzlich ist die Religion aber nicht außen vor. Denn in der ehemaligen Synagoge trifft sich regelmäßig eine Gruppe von Juden. Sie sind als sogenannte Kontingentflüchtlinge in den 1990er Jahren aus Osteuropa gekommen. „Das ist keine Keimzelle für eine neue jüdische Gemeinde“, weiß Braun. Aber da sich um diese Gruppe niemand kümmere, habe dies die Stiftung übernommen. Beratung bei Behörden- oder Arztbesuchen fänden statt, ebenso ein Sprachkurs. Der Fall, dass es dennoch einmal wieder eine jüdische Gemeinde in Rüsselsheim geben sollte, ist in der Satzung klar geregelt: „Sofern sich eine jüdische Gemeinde in Rüsselsheim und Umgebung etablieren sollte und das Gebäude für ihre Zwecke nutzen will, geht dies allen anderen Verwendungszwecken vor.“
Von Alexandra Groth