Vorbereitungen auf etwaige Gasnotlage im Kreis Groß-Gerau

aus Krieg in der Ukraine

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Noch ist der Stadtkirchenturm als Wahrzeichen der Kreisstadt angestrahlt. Foto: Wulf-Ingo Gilbert

Die Kreis-Kommunen ergreifen verschiedene Maßnahmen, um Energie einzusparen. Auch die Baugenossenschaft Ried überlässt nichts dem Zufall.

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KREIS GROSS-GERAU. Berlin ist dunkler geworden. Das Brandenburger Tor wird abends ebenso nicht mehr angestrahlt wie die Siegessäule oder das Rote Rathaus. Auch in rund 200 öffentlichen Gebäuden der Bundeshauptstadt wird nach Feierabend die Beleuchtung ausgeknipst, wie jüngst einem Bericht in der "Tagesschau" zu entnehmen war. Mit diesen augenfälligen Maßnahmen will die Spree-Kommune Energie einsparen. Ganz so, wie es der am Dienstag dieser Woche in Kraft getretene Gas-Notfallplan der EU von allen 27 Staaten der Gemeinschaft verlangt. Als Reaktion auf die hohen Energiepreise und die gedrosselten Gas-Lieferungen aus Russland sollen sie nämlich ihren Gasverbrauch freiwillig um 15 Prozent reduzieren.

Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die Frage: Wie sieht es in den Städten und Gemeinden des Kreises Groß-Gerau mit der Umsetzung der Vorgabe zum Energiesparen aus? Welche Maßnahmen werden im Landstrich zwischen Kelsterbach und Gernsheim ergriffen, um die Abhängigkeit vom Gas aus Moskau zu verringern und somit auf den befürchteten Ernstfall - also einen kompletten Lieferstopp aus Russland - vorbereitet zu sein?

Straßenbeleuchtung in neun Kommunen brennt kürzer

Einen ersten Schritt in Sachen Energieeinsparung in Zeiten von Ressourcenknappheit gehen neun Kreis-Kommunen in Zusammenarbeit mit dem Überlandwerk Groß-Gerau ab nächster Woche gemeinsam: Biebesheim, Bischofsheim, Büttelborn, Ginsheim-Gustavsburg, Nauheim, Raunheim, Riedstadt, Stockstadt und Trebur lassen ihre Straßenbeleuchtungen von Montag an in den Abend- und Morgenstunden jeweils 15 Minuten kürzer brennen. "Mit den optimierten Schaltzeiten der kommunalen Straßenbeleuchtungen wollen wir Energie und damit auch Geld einsparen", heißt es in einer Pressemitteilung.

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Dass dies funktioniert, wird anhand folgender Zahlen deutlich: Durch diese Maßnahme wird der Energieverbrauch aller rund 13 730 Leuchten in den neun Kommunen um jeweils rund 180 Stunden im Jahr verringert. "Daraus ergeben sich in zwölf Monaten Einsparungen von rund 189 000 Kilowattstunden, was derzeit einem Geldwert von knapp 60 000 Euro entspricht", machen die Verantwortlichen eine eindrucksvolle Rechnung auf.

In Trebur beschäftigt sich obendrein eine Arbeitsgruppe aus verschiedenen Fachbereichen seit Kurzem mit der Frage, an welchen Stellen der Energieverbrauch durch einfache oder gegebenenfalls auch komplexere Maßnahmen reduziert werden kann. "Optimierungen an Heizungen (Warmwasser zum Händewaschen) oder Klimageräten (nicht kälter als 26 Grad) wurden direkt vorgenommen", teilt Bürgermeister Jochen Engel (Freie Wähler) auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Konzepte für Herbst und Winter

Auch Mörfelden-Walldorf bereitet sich laut Sebastian Schwappacher "schon jetzt auf eine Gasnotlage vor und arbeitet entsprechende Konzepte für Herbst und Winter aus". Dem Pressesprecher der Stadtverwaltung zufolge würden die Mitarbeiter für das Thema sensibilisiert und angehalten, wo immer es geht, Strom zu sparen. "Wenn die Heizperiode startet, ist beabsichtigt, die Temperatur in den Büros abzusenken und so Energie zu sparen", kündigt Schwappacher an und betont zudem, dass es in der Doppelstadt keine Gebäude gebe, die nachts angestrahlt würden.

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Gleiches gilt für Biebesheim, wo nach Angaben aus dem Rathaus "konkrete Einsparmöglichkeiten - sowohl für den Gas- als auch für den Stromverbrauch bei gemeindlichen Liegenschaften - derzeit noch geprüft werden", und Ginsheim-Gustavsburg. In der Stadt an der Mainspitze kam jüngst der Verwaltungsstab unter der Leitung von Bürgermeister Thorsten Siehr (SPD) zusammen und hat erörtert, wie bei einer möglichen Energieknappheit die Verwaltung am Laufen gehalten sowie der Zugang der Bürger zu Einrichtungen wie Kitas, Jugendhäusern, Musikschulen, Senioreneinrichtungen, Sporthallen oder Bürgerhäusern weiterhin ermöglicht werden kann. Gegebenenfalls müsse man sich bei einer Notlage auf einige ausgewählte Einrichtungen konzentrieren, stellt Siehr fest.

Im Übrigen appelliert der Rathaus-Chef aus Ginsheim-Gustavsburg an die Bevölkerung, mit Gas und Strom besonders sparsam umzugehen: "Denn nur gemeinsam schaffen wir es, den Verbrauch von Gas wie vorgesehen um 15 Prozent zu reduzieren."

Aus Rüsselsheim nichts zu erfahren

Während in Stockstadt nach den Worten von Ursula Kraft "schon seit einigen Monaten auf das Anstrahlen des Feuerwehrhauses verzichtet wird" (dieses war laut der Ersten Beigeordneten "das einzige Gebäude mit besonderer Beleuchtung" in der Gemeinde), ist aus Rüsselsheim leider nichts im Hinblick auf diese Thematik zu erfahren. Von der dortigen Pressestelle heißt es nur lapidar: "Die Stadt prüft derzeit alle Möglichkeiten und wird sich für die Einsparungen in ihren Gebäuden an den Vorgaben des Landes und des Hessischen Städtetages orientieren."

Von der Kreisstadt Groß-Gerau, für die Bürgermeister Erhard Walther (CDU) das nächtliche Anstrahlen von Wahrzeichen wie der Stadtkirche oder des historischen Rathauses vor zwei Monaten noch als "identitätsstiftend für die Groß-Gerauer" und "wertbildenden Faktor" bezeichnet hatte und deshalb nicht darauf verzichten wollte, war bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe keine Stellungnahme erhältlich.

Zusammenkunft von Landrat und Bürgermeistern

Liegenschaften der Kreisverwaltung werden Angelica Taubel zufolge nicht angestrahlt, aber vor ein paar Wochen hat laut der Pressesprecherin des Kreises ein Arbeitskreis seine Arbeit aufgenommen, der sich mit Möglichkeiten des Energiesparens befasst. Zudem hat Landrat Thomas Will (SPD) alle Bürgermeister aus dem Kreis Groß-Gerau für Mittwoch, 17. August, zu einer Dienstversammlung eingeladen, um kreisweit ein möglichst einheitliches Vorgehen bei Sporthallen und vergleichbaren Liegenschaften zu erarbeiten. "Es soll ein Flickenteppich an Maßnahmen verhindert werden", bringt es Taubel auf den Punkt.

Vorbereitungen für den Fall der Gasausfälle trifft natürlich auch die Baugenossenschaft Ried (BG). Die rund 5500 Menschen in den 188 Häusern der BG mit 2418 Wohnungen werden mittels einer Info-Offensive auf einfache Maßnahmen aufmerksam gemacht, mit denen Energie eingespart werden kann. "Das fängt damit an, dass Räume, die man nicht so häufig nutzt, auch weniger heizt, man die Türen schließt und die Heizung herunterdreht, wenn man das Haus verlässt", erläutert Vorstand Jürgen Unger gegenüber dieser Zeitung.

Zudem wird über eine generelle Nachtabsenkung der Temperatur um vier Grad nachgedacht. "Wir dürfen es dabei aber auch nicht übertreiben, weil es sonst zu Kondenswasser in den Räumen und somit zur Schimmelbildung kommen kann", gibt der BG-Boss zu bedenken. Klar sei jedenfalls, "dass wir an vielen Rädchen drehen müssen, um die gewünschten Ergebnisse erzielen zu können, und wir vor allem bei der energetischen Sanierung unserer Gebäude Gas geben müssen", so Unger abschließend.