Im Einsatz für die ausgebeuteten Gastarbeiter

Wie hier auf den Spargelfeldern bei Weiterstadt sind osteuropäische Wanderarbeiter auch an vielen Stätten im Kreis Groß-Gerau im Einsatz. Und nicht immer werden sie korrekt behandelt.

Die Groß-Gerauer AG „Faire Mobilität“ kümmert sich seit Jahren um osteuropäische Wanderarbeiter, die hierzulande oftmals ausgebeutet werden. Eine Aufgabe mit vielen Hindernissen.

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Kreis Groß-Gerau. Im Vorfeld der seit fast zwei Wochen laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wurde neben eklatanten Defiziten bei Menschenrechten und Pressefreiheit in dem Emirat vor allem die Ausbeutung der beim Bau von Stadien und Infrastruktur eingesetzten Gastarbeiter, von denen wohl mehrere Tausend im Zuge ihrer schlecht entlohnten Tätigkeit gestorben sind, heftig kritisiert. Und das völlig zurecht. Allerdings muss man nicht bis in den Golfstaat blicken, um auf skandalöse Zustände bei Unterbringung und Beschäftigung von Arbeitern zu stoßen. Denn so etwas gibt es auch hierzulande – und sogar im Kreis Groß-Gerau.

„Wir sind auf ein Zwei-Familien-Haus in Groß-Gerau aufmerksam gemacht worden, in dem 30 Menschen aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern lebten. Eine dreiköpfige Familie musste für einen zwölf Quadratmeter großen Raum 200 Euro pro Kopf als Miete berappen, und wer wegen seines geringen Lohns die Miete nicht bezahlen konnte, wurde zum Teil verprügelt.“ Auf diese unglaublichen Zustände ist Irmgard Jahn also quasi direkt vor ihrer Haustür gestoßen. Und weil es sich bei dieser üblen Behandlung von Mitarbeitern einer Zeitarbeitsfirma zwar um einen besonders krassen, aber keinesfalls um einen Einzelfall handelte, hat die Gemeindereferentin der katholischen St.-Walburga-Kirchengemeinde in Groß-Gerau vor gut fünf Jahren mit weiteren engagierten Zeitgenossen die Arbeitsgemeinschaft „Faire Mobilität“ aus der Taufe gehoben.

Unterschiedliche Facetten der Ausbeutung

Deren Mitglieder haben es sich seither zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichen Facetten der Ausbeutung osteuropäischer Wanderarbeiter in der Region publik zu machen, den Betroffenen unterstützend zur Seite zu stehen und die Missstände nachhaltig zu verbessern. „Es geht darum, die vor allem im Baugewerbe, in der Landwirtschaft, Gebäudereinigung, Nahrungsmittelindustrie und Logistikbranche tätigen Menschen, die überwiegend aus Polen, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine kommen, in der jeweiligen Muttersprache über ihre Rechte als Arbeitnehmer aufzuklären und ihnen bei deren Durchsetzung zu helfen“, umreißt Ingrid Reidt den Ansatz der AG.

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Laut der im Referat Berufs- und Arbeitswelt im Bistum Mainz angestellten Betriebsseelsorgerin hätten viele Wanderarbeiter zunächst Angst, über ihre Lage zu sprechen, „aber wenn sie dann merken, dass wir auf ihrer Seite sind, nehmen sie das erfreut zur Kenntnis“. Ziel müsse es sein, die Abhängigkeit vom Arbeitgeber oder dem Subunternehmen aufzulösen „und damit die systemische Form der Ausbeutung zu verhindern“, betont Reidt und erläutert, dass es eine übliche Methode sei, den Arbeitsplatz gekoppelt mit einer Wohnung zu vergeben. Dadurch habe der Arbeitgeber „ein echtes Druckmittel in der Hand“, spricht die Betriebsseelsorgerin von der Schaffung einer „erpresserischen Abhängigkeit“.

Untragbare Zustände

Von derart untragbaren Zuständen im Kreis Groß-Gerau kann auch Bruno Walle ein Lied singen. „Manch landwirtschaftlicher Betrieb zahlt weniger als den gesetzlichen Mindestlohn, andere zahlen zwar die zwölf Euro pro Stunde, ziehen davon aber gleich sechs Euro für die Unterbringung in teils schäbigen Baracken ab, das ist natürlich ein Unding“, berichtet der Vorsitzende des Bezirksverbands Rhein-Main der IG BAU, der sich benfalls in der AG „Faire Mobilität“ engagiert.

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Aber auch in „seiner“ Branche herrschen laut Walle mitunter skandalöse Zustände: „Da sind manchmal bis zu 20 Subunternehmen an einer Baustelle tätig, die die Beschäftigten nicht ordentlich entlohnen“. Doch weil das aktuelle Vergabegesetz weiterhin lückenhaft sei und aus Personalmangel viel zu wenig kontrolliert werde, kämen diese schwarzen Schafe mit ihren „teils kriminellen Strukturen“ durch, findet es Walle „schlimm, dass die öffentliche Hand das zulässt“.

Plädoyer für die Einführung einer elektronischen Beschäftigungscard

Wichtig ist ihm in diesem Zusammenhang, „dass es nicht um Schwarzarbeit, sondern um Menschen geht, die hier arbeiten dürfen, aber in illegalen Beschäftigungsverhältnissen gefangen sind“. Um sie aus selbigen zu befreien, müssten sie in einem ersten Schritt ihre Arbeitsstunden aufschreiben und diese dann abzeichnen lassen. Aber ein wirklicher Ausweg aus dem Dilemma wäre erst mit der Einführung einer elektronischen Beschäftigungscard gefunden, so der Gewerkschaftler. „Andernfalls wird unser Sozialsystem auf Dauer unterwandert.“

Um dies zu verhindern und die Ausbeutung der Wanderarbeiter zu stoppen, müssen die AG-Aktivisten eigenen Angaben zufolge nicht nur über Gelassenheit und Penetranz verfügen, damit sie sich Reidt zufolge „mit der nötigen Beharrlichkeit dem Problem widmen können“. Auch eine gewisse Frustrationstoleranz kann nicht schaden. Denn, so die Betriebsseelsorgerin: „Unsere Wirksamkeit ist leider recht überschaubar.“ Doch auch wenn bisher noch kein wirklich großer Erfolg verbucht werden konnte, wollen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft weiterhin am Ball bleiben. „Wir müssen die Lage dieser Menschen, die eigentlich unsichtbar sind, immer wieder in den Fokus rücken, denn nur so kann es zu positiven Veränderungen kommen.“