Wie manövriert die Entega durch die Krise?

aus Energiekrise

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Der Energieversorger Entega aus Darmstadt. Archivfoto: Torsten Boor

Im Interview spricht Thomas Schmidt als Vorstand des Darmstädter Energieversorgers Entega über das Manövrieren in der Krise und Verantwortung der Politik.

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DARMSTADT. Wie intensiv sich der russische Angriffskrieg und Deutschlands Umgang damit auf die hiesige Wirtschaft und Gesellschaft auswirken, davon kann Thomas Schmidt als Vorstand des Darmstädter Energieversorgers Entega Lieder singen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die seines Erachtens klare Verantwortung der Politik in der Energiekrise geht. Vom Manövrieren zwischen Versorgungsauftrag und Solvenzsicherung, von Tränen bei Kunden und Mitarbeitern, vom Umdenken.

Wo und wie sparen Sie persönlich Energie, Herr Schmidt, und hat sich Ihr Bewusstsein durch die aktuelle Lage gewandelt? Das eher nicht, das Bewusstsein hatte ich sowieso. In dieser Branche zu arbeiten, hat mich geprägt, dass Energie eine Ressource ist, mit der wir sehr bewusst umgehen sollten. Ich bin dreifacher Familienvater und der, der unter anderem immer das Licht ausmacht, wenn keiner mehr im Raum ist, der Rufer und Mahner. Aktuell habe ich mir auch unsere Gastherme vorgenommen, die 15 Jahre alt ist und auf den Prüfstand muss. Auch habe ich die Wassertemperatur bereits auf die empfohlenen 60 Grad abgesenkt.

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Hoffen Sie auf Spätsommer oder goldenen Herbst? Bei doch sinkenden Temperaturen werden viele Menschen kräftiger an der Heizung drehen. Sie zielen wahrscheinlich auf das Zitat des Wirtschaftsministers ab. (Anm.: Robert Habeck (Grüne) sprach von einer Chance, „gut über den Winter zu kommen“ bei auch „ein bisschen Glück mit dem Wetter“; von der CSU als „Blackout-Bingo“ abgekanzelt.) Wir betreiben auch Geschäfte mit erneuerbaren Energien, wo wir hoffen könnten, dass der Wind stärker bläst oder die Sonne mehr scheint. In der Unternehmensführung geht es aber doch mehr um realistische Erwartungshaltungen und das konsequente Ableiten von Maßnahmen. Darauf sollte sich auch die Politik stärker ausrichten als auf Hoffnung.

Sie müssen regelmäßig kalkulieren und bilanzieren – wie sehr oder wie oft schmeißt jetzt der Preisanstieg für Gas und Strom alles über den Haufen? Der Preis ist sehr dynamisch. Wir verfolgen bei der Beschaffung eine langfristige Strategie, kaufen zwölf bis achtzehn Monate im Voraus ein und sind so in der Lage, die Preise nur zeitversetzt weitergeben zu müssen. Wir erleben gerade eine enorme Preissteigerung; irgendwann wird es auch wieder eine massive Preissenkung geben. In dieser Situation machen wir uns natürlich viele Gedanken über unsere strategische Ausrichtung. Wir verstehen uns als Unternehmen, das nachhaltige Energie zu akzeptablen Preisen anbietet. Wenn ich hundert Prozent einkaufe, und dann purzeln die Preise, habe ich ein Problem. So müssen wir unsere wirtschaftlichen Ziele mit unserem Auftrag als Grundversorger verbinden und natürlich auch unseren Kunden gerecht werden.

Sie müssen am Markt bestehen, sind aber gerade jetzt auch Auffangbecken für Gekündigte. Liegt darin auch eine Chance, etwa um verlorene Kundschaft zurückzuholen? Es ist beides. Die Chance, Kunden aufzufangen wird auch goutiert. Meine Erfahrung sagt aber, dieses Goutieren ist nicht nachhaltig. Wenn die Preise wieder fallen, kann ich es den Leuten nicht verübeln, wenn sie bei entsprechenden Ersparnissen auch wieder gehen. Dann ist die Chance auch Risiko. Das gehört zum Unternehmertum.

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Wie wollen Sie Wirtschaftlichkeit und Solvenz sichern? Die Solvenz unseres Unternehmens sichern wir, indem wir Risiken rechtzeitig im Blick haben und Maßnahmen ableiten. Das Liquiditätsrisiko kommt nicht so sehr aus dem Privatkundengeschäft, sondern von den Groß- und Geschäftskunden. Wir rechnen diese Geschäftskunden Ende des Monats ab und gehen daher immer in Vorleistung. Bei dem Maße, in dem die Preise jetzt hochgehen, gehen wir regelmäßig verschiedene Szenarien durch und bereiten uns auf entsprechende Maßnahmen vor. So versuchen wir, das Schiff Entega stabil durch die raue See zu bringen.

Brauchte es den gegenwärtigen Druck oder setzt die langfristig planende Entega per se auf Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Alternativen? Den Nachhaltigkeitspreis hat die Entega schon vor meiner Zeit, 2013 gewonnen. Das Unternehmen hat sich konsequent nach dem Dreiklang aus Ökologie, Ökonomie und sozialer Verantwortung aufgestellt, die sich auch auf künftige Generationen erstreckt. Das gehört zu unserer DNA. Eine der ersten Auffälligkeiten hier ist, dass Ihnen Menschen begegnen, die sich bewusst entschieden haben, zur Entega zu gehen – aufgrund ihrer nachhaltigen Ausrichtung. Diese Frage nach dem Sinn, warum gehe ich täglich zur Arbeit, was unternimmt mein Unternehmen, dass die Welt ein Stück besser wird? Das ist es, was viele Menschen nach wie vor bindet und motiviert. Was jetzt auf dem Markt passiert, konnte so niemand erwarten, aber es entspricht schon etwa dem, was wir bereits vor Jahren berechneten.

Gleichwohl eben nicht in der Quantität, und andere Länder haben schon Gas- oder auch Strompreisdeckel. Was halten Sie von diesem Instrument? Zum einen gibt es ja Maßnahmen wie die Steuersenkung auf Gas, die zum 1. Oktober greifen soll. Zum anderen sehen wir die Preisentwicklung. Energie ist ein Grundversorgungsgut wie Brot und muss für jeden bezahlbar sein. Doch wir haben den Punkt aus meiner Sicht überschritten. In unsere Kundencenter kommen Menschen mit Tränen in den Augen, die sagen: „Ich weiß nicht, wie ich das noch zahlen soll!“ Was wiederum auch Tränen bei unseren Mitarbeitern auslöst. Wir sind jetzt auf der emotionalen Ebene, und das ist ganz gefährlich. Deshalb muss die Politik schnell reagieren.

Es gibt ja auch viel Wut: Ihr macht Euch die Taschen voll! Ist es deshalb Ihre Unternehmensphilosophie, zu sagen, wir wissen, dass es existenziell ist? Das ist die emotionale Ebene. Wenn es schon um die Existenz geht, ist der Versorger auch Blitzableiter. Wir sind auch Überbringer staatlicher Botschaften wie der Gas-Umlage. Und die Politik fordert weiter zum Energiesparen auf. Da müssen wir aufpassen. So Waschlappennummern helfen da überhaupt nicht. (Anm.: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) regte als Spartipp an, vielleicht weniger zu duschen, und nannte dazu den Waschlappen eine brauchbare Erfindung.)

Und der Winter kommt erst noch: Gibt es Vorkehrungen? Wir haben bereits im März begonnen, die Weichen zu stellen. Ein bisschen war klar, wo die Reise hingeht. Ich merke aber jetzt erst auf allen Ebenen, dass die Menschen das realisieren. Umso wichtiger ist, konsequent darauf zu reagieren. Wir als Entega helfen gerne mit Know-how, Beratung und unterstützen, wo wir können. Aber in der Politik muss unbedingt alles getan werden, um die Menschen wirksam zu entlasten. Ansonsten sehe ich für den Winter auf unsere Gesellschaft große Probleme zukommen. Gar nicht auf Ebene der Gasversorgung. Aber auch hohe Speicherstände dürfen nicht dazu führen, dass wir glauben, uns nicht weiter anstrengen zu müssen. Jeder Versorger, jedes Unternehmen, jeder Privathaushalt, muss – in seinem Rahmen – schauen: Was kann ich noch tun, um eine Gasmangellage nach Möglichkeit zu vermeiden. Seitens der Politik muss es über „You’ll never walk alone“ hinausgehen. (Anm.: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gebrauchte die Hymne für ein Beistandsversprechen.) Man muss knallhart managen und klare Botschaften senden. Auch wir müssen die Balance finden. Denn für uns ist ja langfristige Kundenbindung wichtig.

Sie sind seit 2014 im Unternehmen, aber just dieses Jahr in den Vorstand gewechselt. Das Schlimmste kommt zuerst? Eine Kollegin meinte zu mir, seit ich im Vorstand bin, jage ja eine Katastrophe die andere. War eher positiv gemeint, weil man mich zu den Menschen zählt, denen man zutraut, damit umzugehen. Ich habe eine andere Vergangenheit und habe mehrere Unternehmen gegründet und aufgebaut. Daher glaube ich, dass ich ganz gut mit Risiken umgehen kann. Man ist im Grenzbereich, aber solche Situationen, dieses Umfeld, regen mich an, zu ergründen: Was müssen und was können wir verändern? Und ja, es ist ein besonderes Jahr.