Uraufführung des Stücks "Das weiße Band" im Staatstheater

Auf Riesenmöbeln schrumpfen die Schauspieler zu Kindern in "Das weiße Band".

Vom Kino zur Bühne: Das Staatstheater Darmstadt zeigt die Uraufführung des gesellschaftskritischen Modellstücks "Das weiße Band", unter Regie von Christoph Frick.

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DARMSTADT. Am Anfang ziehen die Kinder in weißen Kleidern durchs Parkett in ein steriles Riesenzimmer und singen "Ich bete an die Macht der Liebe". Auch nach zweieinhalb Stunden werden sie wieder singen, doch da erinnert die Bühne eher an Schlachthaus und Schlachtfeld. Ein Pferdekadaver hängt durch die Decke, Bodenplatten sind aufgerissen, Erde quillt nach oben. Wo vorher noch Bauern gewühlt haben, krabbelt nun der Jugendchor des Darmstädter Staatstheaters ans Licht. "So nimm denn meine Hand", singen sie und sind dabei verdreckt und zerzaust. Die Kinder, die in Michael Hanekes Geschichte das "Weiße Band" am Vorabend des Ersten Weltkriegs leben, scheinen sich nun aus Schützengräben und Gräbern zu erheben.

Für die bejubelte Uraufführung hat Regisseur Christoph Frick aus Hanekes Drehbuch über eine Dorfgemeinschaft, die zwischen Protestantismus und Patriarchat eifrig frömmelnd einen inhumanen Geist gebiert, mit starkem Formwillen ein Modellstück herausgearbeitet. Die Konstellation zwischen Adel, Bürgern, Arbeitern und Bauern ist zwar im Grunde überschaubar, dennoch wirkt das Geschehen für den Zuschauer zunächst unübersichtlich. Neun Schauspieler verkörpern 33 Rollen, darunter auch jene der Buben und Mädchen, die in dieser "deutschen Kindergeschichte" (Untertitel des Kinofilms) insgeheim im Zentrum stehen. Ausstatterin Viva Schudt hat einen überdimensionalen Tisch und Stühle auf die Bühne gestellt, um die Perspektive der Kleinen zu markieren. Wer aber nun gerade wen verkörpert, versteht man nur nach und nach. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um an diesem Abend mitzukommen. Doch es lohnt sich.

Schließlich erzählt "Das weiße Band" so verdichtet wie bedrückend davon, dass eine Pädagogik der Unterwerfung durch rigide Regeln auch eine Erziehung zu unmenschlicher Härte gegenüber Schwachen und Außenseitern sein kann. Der Arzt stürzt mit seinem Pferd über einen Draht, der Sohn des Barons wird blutig geschlagen, das behinderte Kind der Hebamme verstümmelt. Aufgeklärt werden die Verbrechen nicht, doch als rückblickender Erzähler des Films mutmaßt der Lehrer, dass es die Kinder waren und dass ihre Erziehung zur Inhumanität zu den großen Dramen des 20. Jahrhunderts gehört.

Die Versuchung, diesen Gedanken ins 21. Jahrhundert und zur Blüte neuer autoritärer System zu verlängern, ist groß. Christoph Frick muss das nicht extra betonen. Er setzt ganz auf sein episches Theater, bei dem die Schauspieler kaum in ihre Figuren eindringen, sondern ihre Rollen eher vor sich hertragen, um sie schnell wechseln zu können. Eben noch ein Mädchen, das sich unter Stockschlägen krümmt, ist Jessica Higgins mit einem leisen Schrei im nächsten Moment die Hebamme, die ein Neugeborenes im Arm hält. Eben noch der Pfarrerssohn unter Onanieverdacht, der nachts ans Bett gefesselt wird, ist Daniel Scholz im nächsten Moment der Baron und dann der wütende Bauerssohn, der mit den Baseballschläger um sich haut, weil seine Mutter bei der Arbeit auf dem Gut gestorben ist. Ein Ensemble im fliegenden Personenwechsel. Mathias Znidarec als Lehrer und Ben-Daniel Jöhnk als Pfarrer liefern sich am Ende dieses Pädagogikkrimis die große Konfrontation zwischen Verdacht und Vertuschung.

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In der Pause pinseln die Schauspieler ein Wandbild vom kleinen Dorf mit Kirche, Friedhof und Häusern zwischen den Begriffen "Anstand", "Sitte", "Rache". Schwarz auf weiß ist dieses Panorama, wie die Bilder im Kino es waren. Das aber ist auch die einzige formale Verbindung zwischen Vorlage und Adaption. Hier wird kein Film auf die Bühne gespiegelt. In Darmstadt ist "Das weiße Band" mit selbstbewusster Stilsicherheit ganz entschieden Theater.

Die nächsten Aufführungen finden am 26. September, 6.und 13. Oktober statt.