TV-Kritik „Heute stirbt hier Kainer“ im Ersten

Ulrich Kainer (Martin Wuttke) in einer Szene des Spielfilms „Heute stirbt hier Kainer“. Foto: HR/dpa

Köstliche Westen-Parodie mit Martin Wuttke im Ersten Deutschen Fernsehen. Showdown in einem hessischen Dorf.

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. „Heute stirbt hier Kainer“ – der Titel ist so stimmig wie der männliche Hauptdarsteller Martin Wuttke und der Name des weiblichen Pendants im Film Marie „Abel“. Weniger wichtig offenbar, dass Kain und Abel biblisch zwar vom selben Geschlecht waren, als der Gleichklang von „Kainer“ und „keiner“ und der daraus folgende Verwechslungs-Gag. Es sterben in dieser lakonisch witzigen TV-Western-Persiflage im Showdown jedenfalls so viele, dass es einem schwindlig werden kann. Regisseurin Maria-Anna Westholzer schrieb das Drehbuch mit Michael Proehl, der tief in den Fundus seines legendären Tatorts „Im Schmerz geboren“ greift, um abermals abgebrüht süffisant in minutenlangem Schusswechsel den Film-Schauplatz blutig abräumen zu lassen.

Frührentner und Städter Ulrich Kainer will ja eigentlich nur seine Ruhe, muss aber erfahren: „Urlaub auf dem Bauernhof ist auch nicht mehr das, was es mal war.“ Martin Wuttke führt als aus der Tiefe brummelnder Erzähler in die Geschichte ein, deren Ausgangspunkt das TV-Publikum, aber das Dorf nicht kennt, in dem es eine Kneipe (Saloon) gibt, auch wilde Tiere, sprich Kühe und einen Goldfisch, eine vereinsamte hübsche Rancherin, Primaten-Streit um einen Betrug – und einen entzückenden antiken Chor, bestehend aus drei Rentnern mit Bier, Klatsch und Tratsch und Schießeisen.

Drehorte im Odenwald und in der Wetterau

Der, der Ruhe sucht am See, gerät in einen Strudel aus mafiösem Getue im Dorf, flankiert von depressivem Alkoholiker, grundbösem Kommissar und degenerierten Nazi-Snobs. Das Reh aber frisst ihm aus der Hand, und die Bauersfrau kleidet ihn in einen grell bunten Trainingsanzug. Er ist eigentlich schon trainiert genug – ob er freilich in dieser Western-Parodie auf hessischem Boden im gar nicht öden Oberöhde (Drehorte: Mossautal im Odenwald und Niddatal in der Wetterau) sizilianisch gewürzter Mahlzeit, handfest weiblicher Verführung, Hahnenkämpfen, erschossenem Federvieh und Herden-Muhen standhalten kann? Ein großartig durchfurchter Martin Wuttke glaubt an John Wayne und spielt das Selbstbildnis eines Raubeins als sterbenwollender Revolverheld und Letzten seiner Art. Ihm zur Seite – ebenso herrlich stoisch, wortkarg und konsequent – Christian Redl als Jäger-Späher auf dem Hochsitz. Britta Hammelstein (Marie Abel) und Jule Böwe (Schwester Marion) spielen Frauen, die wissen, was sie wollen und mit großer Selbstverständlichkeit stärker sind als ihre Männer.

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Fast jede einzelne Szene birgt ein Kleinod an Ironie, Sarkasmus bis Zynismus, wozu das offene Feld und der dichte Wald aus dem Kamera-Auge von Armin Dierolf herbes landschaftliches Kolorit dazugibt, raffiniert kommentiert vom Musik-Katalog von Richard Wagner („Walkürenritt“ mit Sinfonieorchester für den rabiaten Rainer, der doch einfach nur „Bratsche“ heißt) bis zur „Paten“-Melodie, zusammengestellt von Matti Rousse. Dass ein Schwarzer den Masochisten spielt, ein Bandenführer Thomas und Heinrich Mann liest, ein Bürschlein schießt, ein anderer Schuss leider erst einmal nicht richtig trifft, zum Darts-Spiel auch Messer verwendet werden, Geld keinen, bis auf den Kommissar, verführt, der in Gestalt von Justus von Dohnányi („Mein erster Kommissar! Und dann gleich so einer!“) den aktiven Bösewicht gibt, während der eigentliche „Profi für den Tod“, Wuttkes Kainer abwartet („Heute stirbt hier keiner“), gehört zu den köstlich abstrusen Umkehrungen herkömmlicher Killer-Genre-Muster in diesem Film, voll von skurrilen Pointen, wenn Kainer etwa einen Goldfisch rettet, weil Wasser „eine Kuscheldecke für einsame Fische“ sei, und er ja selbst einer ist.

Keine Seen-Ruhe aber für ihn, sondern abgebrochenes Colt-Duell gegen den Sheriff und mit ihm wiederum wildeste Schießerei, bis auch dem letzten Revolver die letzte Patrone fehlt. „Kein Abschiedsgequatsche“, hatte Kainer seiner Lady beschieden. Da können wir freilich ein letztes Mal nur noch herzlich lachen …