Puccinis „Manon“ und „#me too“ am Mainzer Staatstheater

Orientierungslos und an den Rand gedrängt inmitten einer Welt der glitzerndern Verlockungen: Szene aus „Manon Lescaut“, in der Hauptrolle Nadja Stefanoff. Foto: Staatstheater/Andreas Etter

„Manon Lescaut“ ist ein Stück über das Scheitern an den Verlockungen dieser Welt. Gerard Jones, Preisträger des Europäischen Opernregiepreises 2018, führt Regie in Mainz.

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MAINZ. In ihrer Sehnsucht nach einer besseren Existenz verfolgt die attraktive Manon Lescaut mit unbedingtem Willen und Ehrgeiz die Veränderung ihrer sozialen Situation. Bald muss sie erkennen, dass die sich ihr bietende Möglichkeit, den einen Mann zu lieben und einen anderen auszunutzen, um ein umschwärmtes Leben zu leben, keineswegs krisensicher ist. Sie opfert zunächst ihre Liebe zu dem Studenten Des Grieux, die letztendlich der einzige Anker im Abgrund ihres Lebens ist, und auch der reiche Geronte verliert die Lust.

Preisgekröntes Konzept nun auch auf der Mainzer Bühne

Die tragische Liebesgeschichte der Manon Lescaut ist eine Erzählung des Scheiterns an den Verlockungen dieser Welt, die hell glitzernd aufblitzen, das Scheitern an einer unerfüllbaren Liebe ebenso wie an einer unmenschlichen Wirklichkeit.

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Für den Preisträger des Europäischen Opernregiepreises 2018, Gerard Jones, der sein preisgekröntes Konzept zu Manon Lescaut nun am Mainzer Staatstheater inszeniert, beschreibt die Oper den Teil der Gesellschaftsgeschichte, die Harvey Weinstein ins Rollen gebracht hat und zum „#me too“ führte. Der Skandalroman des Abbé Prevost ist über die Jahrhunderte hinweg Sujet für zahlreiche Regiegenres. Gerard Jones inszeniert eine Opernversion, die in ihrer verzweifelten Leidenschaft, ihrer Radikalität, ihrem unverstellten Realismus weit über die Vorlage hinausgeht und den Blick auf eine Welt öffnet, die es fertig bringt, Männer wie Donald Trump an die Spitze eines Staates zu lassen. Statt eines idealisierenden, verschleierten Blicks auf eine unmögliche „Amour fou“ will sich der Regisseur auf Szenen konzentrieren, die Erschütterung und weibliche Ohnmacht gegen Männerfantasien auf die Bühne bringen. Ohne die Schilderung des Liebesglücks und ohne moralische Verurteilung seiner ambivalenten Titelfigur wird er Momentaufnahmen in den Fokus stellen, die dem Ablauf von Vorgängen mit zeitlichen oder räumlichen Unterbrechungen unserer eigenen Gegenwart besonders nahekommen.

Reich an orchestralen Farben und Emotionen

Mit „Manon Lescaut“ hat sich Giacomo Puccini ein neues Musikgenre erobert, das ihn an die Spitze der Opernkomponisten katapultierte. Reich an orchestralen Farben und Kontrasten steht in „Manon Lescaut“, mit der Puccini 1893 seinen Weltruhm begründete, die pure Emotion als menschlicher Lebensantrieb im Mittelpunkt. Deshalb ist es für den musikalischen Leiter Daniel Montané eine Selbstverständlichkeit, dass trotz der modernen Inszenierung und dank Puccinis Musik die gewohnte Vertrautheit für diesen berühmten Opernstoff erhalten bleibt. Für Montané hat Puccini mit seiner dritten Oper „Manon Lescaut“ den Schlüssel gefunden, die Welt, so wie sie sich darstellt, im Rhythmus der Oper einzufangen. Vieles von dem, was Puccini in seinen ersten beiden Opern, respektive in seinen Kompositionen für die Orgel geschrieben hat, findet in abgewandelter Form Eingang in „Manon Lescaut“. Als Garant für die Mainzer Inszenierung steht auch die Bühnenbildnerin Cécile Trémolières, die mit Jones den Europäischen Opernregiepreis erhalten hat und die vier Akte der Oper in einen hölzernen Rahmen fasst, und die Besetzung der Manon mit der wandlungsfähigen Nadja Stefanoff.