„Das kunstseidene Mädchen“ entlarvt die Doppelmoral

Nicole Klein Foto: Theater Curioso

Ein Solo-Stück Irmgard Keuns Roman: Nicole Klein gestaltet die Figur der Doris in der Live-Streaming-Premiere des Darmstädter Theater Curioso temperamentvoll und überzeugend.

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DARMSTADT. Wirtschaftskrise und der Aufstieg der Nationalsozialisten, das ist die Zeit, in der Doris von der großen Karriere träumt. Einmal im „Glanz“ stehen, das wünscht sich die kleine Büroangestellte in Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“, der die Vorlage für das gleichnamige Solostück mit Nicole Klein ist, und der Roman eignet sich vortrefflich für die Theaterbühne. Obwohl die karge Kulisse bei der Inszenierung des Darmstädter Theater Curioso, die am Sonntag als Live-Streaming-Premiere zu erleben war, auch im Mollerhaus dem Zeitgeist Anfang der dreißiger Jahre verpflichtet bleibt, geht aus dem Stoff hervor, warum er noch aktuell ist: Nach „#MeToo“ sind die Abhängigkeiten in den Arbeits- und Alltagszusammenhängen von Frauen erneut im Fokus der Öffentlichkeit, und Doris erfährt, dass ihr Weg zu Karriere und Geld nur über die Gunst der Männer „erwirtschaftet“ werden kann.

Davon erzählt sie, stolz auf ihr Hochdeutsch, mit schnodderiger Schnauze. Fest im kleinbürgerlichen Milieu verankert, hofft sie, dem Publikum zugewandt, auf den großen Aufstieg. Doch den klaren Blick auf die realen Verhältnisse verliert Doris nie. Mit beiden Beinen im Leben weiß sie, dass sie als junge Frau ohne Bildung in der Metropole Berlin kaum eine Chance hat, außer mit dem nächsten „Kavalier“ mitzugehen; willige (meist ältere) Männer gibt es wie Sand am Meer. Bei allem behält sie ihre Würde ‒ vielleicht mehr als mancher Möchtegern-Galan mit Doppelmoral tariert sie aus, was sie zulassen will oder muss, um nicht auf der Parkbank zu nächtigen. Nur ganz selten noch träumt sie von der Liebe.

Nicole Klein findet sich in diese Doris überzeugend und gestenreich ein. Sie füllt ihre Figur über eineinhalb Stunden mit temperamentvollem Spiel. Nur nicht zu melancholisch werden, immer ans Überleben denken: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Assoziationen zu den Brechtschen Rollen und Stücken tauchen auf, das individuelle Schicksal ist eng verknüpft mit den ökonomischen Verhältnissen. Irmgard Keun hat in ihren Text wunderbare Begriffe und Sätze so gestreut, dass die Klischees die Wahrheiten dahinter vergegenwärtigen. Die Männer durchschaut Doris bilderreich: von der „pickeligen Hopfenstange“, ein Rechtsanwalt, bis zum blinden Herrn Brenner, „ein feiner Mann mit so vielen Gedanken“.

Doris ist nirgends Zuhause. Mit einem fast lebensgroßen Überseekoffer bewegt sie sich durchs Leben, der flach aufgestellt mal zum Bett wird, mal zum Tisch, und aus dem sie die wenigen Requisiten nimmt. Einmal scheint sie bei einem der Männer bleiben zu wollen, da klappt sie den Koffer zum Schrank auf: ihr Zuhause, bei einem, der nichts von ihr will, was ihr dann auch nicht ganz geheuer ist!

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Ulrich Sommer (Regie) bringt „Das kunstseidene Mädchen“ flott auf die Bühne. Er schaltet zwischen die kurzen Szenen stimmungsverstärkend Musik, mal den Swing der Dreißiger, mal ein Saxofon-Solo. Das schafft Abwechslung und hält die Gäste bei der Stange. Auch hält die Spannung, weil nie ganz klar wird, ob Doris denn den Glanz des Lebens für sich finden wird. Sommer baut dabei auf den Text und die Macht des gesprochenen Wortes, wie er es als künstlerischer Leiter des Theater Curioso formuliert hat: Er macht die „literarisch wertvolle Vorlage zum sinnlich-emotionalen Erlebnis“.