Blick in den Videokanal des Staatstheaters Darmstadt

Bunte Mischung vom Büchnerplatz: So wirbt das Staatstheater Darmstadt für seine "Tägliche Dosis". Foto:  Staatstheater

Das geschlossene Staatstheater wendet sich mit Videos an sein Publikum. Sie sind überraschend, mal heiter, mal melancholisch - und haben in einem Fall auch eine bittere Note.

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DARMSTADT. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Wird wohl irgendeine Jux-App sein: Man filmt sich mit dem Smartphone, und je lauter man spricht, desto größer wird der Mund. Wer wissen will, wie das aussieht, muss Folge vier der "Täglichen Dosis" aufsuchen, auf der Internetseite des Darmstädter Staatstheaters oder im Youtube-Kanal des Hauses. Da knuddelt der Opernsänger Michael Pegher mit seinen beiden Kindern daheim auf dem Sofa und macht solche Späße. Beim Ratschlag "Stay inside" springen die Lippen des Sängers dem Betrachter entgegen, und wenn Sohnemann die Stimme erhebt, wandert die Kamera bis zum Halszäpfchen.

Jeden Tag andere Video-Botschaften

Irgendwie gruselig, aber auch eine der heitersten Video-Botschaften, mit denen das Theater den Kontakt zu seinem abwesenden Publikum hält. Jeden Tag anders, überraschend, mal länger, mal kürzer, meistens witzig, manchmal ernst. Und manchmal überhaupt nichts, jedenfalls auf den ersten Blick. Am Tag sechs sieht man lediglich Thomas Mehnert im Künstlerischen Betriebsbüro, wie er eine Ansage für den Anrufbeantworter aufspricht. Eine bittere Note bekommt diese Kleinigkeit erst hinterher, als Marketingmann Kai Rosenstein in der Abmoderation erzählt, dass Mehnert "immer mal wieder bei unseren Bühnenproduktionen einspringt". Das ist nicht falsch, aber eigentlich müsste man die drollig klingende Geschichte vom besonderen Talent eines Büromannes andersherum erzählen: Mehnert war Solist im Opernensemble, bevor er in den Verwaltungsbau versetzt wurde.

Im Ensemble waren, sind und bleiben hoffentlich Robert Lang und Stefan Schuster. Die spielten bis zum Beginn der Zwangspause in der Hitchcock-Adaption "39 Stufen" und kommentieren nun Ausschnitte einer Aufzeichnung. Um das Amüsement der beiden Herren zu teilen, müsste man allerdings die Aufführung ziemlich gut kennen. Die Bühnentotale ist nur eines von vier Bildschirmfensterchen, der Ton ist kaum zu hören. Aber man sieht, dass zwei Männer ihren Spaß haben, und das ist ja eine Menge in diesen Zeiten.

Wer die Kunst der Schauspieler bewundern will, sollte zwischendurch von der "Täglichen Dosis" umschalten auf "Vitamin L", das zweite Videoangebot des Staatstheaters. Da liest das Ensemble in Folgen den Roman "Hawaii" vor, das gerade erschienene Debüt von Cihan Acar, der den Ex-Fußballprofi Kemal Arslan durch das sommerheiße Heilbronn schickt. Wie unterschiedlich die Schauspieler an diesen starken Text herangehen, wie die Summe des Verschiedenen dann aber eine Gesamterzählung formt, ist unbedingt sehens- und hörenswert - am besten schnell gucken, denn die Teile stehen nur für sieben Tage im Netz, Folge eins läuft schon am Samstag aus. Bisheriger Höhepunkt: das Gespräch Arslans mit seinem schwarzen Jaguar, der demoliert in einer Tiefgarage steht, beleidigt, weil der Besitzer das Geld für die Reparatur nicht zusammenbringt. Wie Erwin Aljukic diesen Dialog zwischen Mensch und Maschine als gespenstisches Nachtstück inszeniert, wie er über den Augenaufschlag mit seinen Zuschauern kommuniziert, das ist große Klasse. Aber auch die Kollegen sind prima. Wenn die Heilbronn-Story auserzählt ist, muss es mit dem nächsten Roman weitergehen. L ist ein Vitamin, das süchtig machen kann.

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"Erstmal soll ein bisschen Schönheit in die Welt kommen"

Und auch die "Tägliche Dosis" wird man gerne weiter verfolgen, in der Hoffnung auf kleine Glücksfunde wie die Venedig-Karte, die im Übezimmer des Solocellisten Michael Veit hängt, der ruppig den Reitermarsch aus "Lohengrin" auf die Saiten streicht. Das Stück ist bei Cellisten gefürchtet, und als die Proben eingestellt wurden, hat Veit einfach weitergeübt. "Eine Art von Trägheit", sagt er und erzählt von seinem Lehrer, dem großen Cellisten André Navarra. Während des Studiums lief gerade der Katastrophenfilm "The Day After" im Kino. Wenn in einer halben Stunde eine Atombombe auf seine Stadt fiele, sagte Navarra damals, würde er vorher noch eine Tonleiter üben. Passt gut zum Generalmusikdirektor Daniel Cohen, der melancholisch vom Weg zwischen Angst und Hoffnung spricht und seine Balkonpflanzen vorstellt, "erstmal soll ein bisschen Schönheit in die Welt kommen." Das sind Sätze, wie man sie derzeit nicht genug hören kann.