Tanzfestival macht neugierig auf Projekte fürs Jahr 2021

Bei der Choreografischen Werkstatt in den Darmstädter Kammerspielen gibt es Einblicke in neue Produktionen. Hier tanzt Edward Snowden, dort geht's um Kritik an kulturellen Normen.

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DARMSTADT. Am Ende des durch den Lockdown auf drei Tage verkürzten Tanzfestivals Rhein-Main am Sonntagabend noch eine "Choreografische Werkstatt" als Blick in die Zukunft: Neue Projekte in den Kammerspielen, teils nur Skizze, teils schon stark ausgeformt.

Das Trio "Backstein Kollektiv" zeigt Szenen aus "Blue Pill? Red Pill?", ihrem politischen Tanztheater über Whistleblower. Hendrik Hebben, Moritz Fabian und Julie Grutzka Valeria stecken in durchscheinenden Stoffkokons, strahlen sich dabei mit Taschenlampen an, springen vors Mikro, ringen sich dort auch nieder und trillern in Pfeifen. Schließlich geht es um Leute wie Julian Assange oder Edward Snowden, die ganze Organisationen verpfiffen haben. Helden der Aufklärung oder Hochverräter? Das wollen die beiden Tänzer und die Opernsängerin mit ihrer "soziopolitisch ausgerichteten Kunst" erkunden. Eine Viertelstunde zeigen sie in Darmstadt, ein einstündiger Abend soll es werden - irgendwann 2021.

Auch Amelia Uzategui Bonilla plant eine Aufführung im nächsten Jahr: Im Mai könnte es im Frankfurter LAB soweit sein. Was sie beim Tanzfestival als Powerpoint-Präsentation zeigt, lässt weniger auf die Bühne als auf den Hörsaal schließen. Die aus Peru stammende Tänzerin hebt an zu einer Kritik künstlerischer und körperlicher Normen im Zeichen "weißer kultureller Überlegenheit". Ihr Referat mit angeschlossenem Hecheltanz-Solo heißt "Arbeitsprozess zur Entgiftung des Perfektionismus". Von dem Minderwertigkeitsgefühl, Erwartungen nicht zu erfüllen, kommt Bonilla zur Kritik von Standards, die angeblich von weißen Männern geprägt wurden. Es bleibt bei einem sehr akademischen Diskurs, dessen kritische Theorie noch nicht erkennbar in körperliche Praxis überführt wird.

Wobei das ja schon was ist. Der aus Venezuela stammende Tanzstudent Juan Urbina von der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst arbeitet mit einer Tänzerin, die vor zwei Jahren aufgehört hat und nun Mutter ist, weshalb sie eigentlich auch gar keine Zeit hat. Urbina kann immerhin Videos zeigen von der Mutter, die wie unter Wehen zu Mozart unter der Dusche tanzt - als Erinnerung an das Platzen ihrer Fruchtblase. Die Füßchen ihres Babys zappeln zu lateinamerikanischer Volksmusik. Viel mehr ist da noch nicht. Aber um Migration, Grenzen und Pandemie soll es gehen. Wird wohl länger dauern, bis das Kindchen auf der Bühne laufen kann.