Spielfeld für Freigeister

Kommunikatives Dreieck: Die Saxofonistin Silke Eberhard mit Uwe Oberg (links) und Gerry Hemingway beim Konzert im Gewölbekeller des Darmstädter Jazzinstituts. Foto: Dirk Zengel

Geisterspiel in der Jazz-Bundesliga – das wäre der passende Titel gewesen für das Konzert am Freitagabend im Gewölbekeller des Jazzinstituts. Nach der Entscheidung, alle...

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DARMSTADT. Geisterspiel in der Jazz-Bundesliga – das wäre der passende Titel gewesen für das Konzert am Freitagabend im Gewölbekeller des Jazzinstituts. Nach der Entscheidung, alle öffentlichen Veranstaltungen bis Ende April abzusagen, bot der vom Förderverein Jazz veranstaltete Abend für lange Zeit die letzte Gelegenheit, live improvisierte Musik zu erleben.

Nur noch ein knappes Dutzend Zuhörer fand sich im Gewölbekeller ein, was definitiv nicht an den drei Musikern gelegen hat, die den unerschrockenen Liebhabern improvisierter Musik in zwei kurzweiligen Stunden ausgefeilten, hoch-emotionalen und kontrastreichen Trio-Jazz präsentierten.

Mit Silke Eberhard stand ein Energiebündel auf der Bühne, das dem Saxofon in ihrer sehr eigenen musikalischen Sprache unglaubliche Töne entlockte und mit schier unerschöpflichem Atem kaskadierende Läufe und Klanggewitter von besonderer Qualität entfachte. Die Musikerin prägt seit vielen Jahren die Berliner Jazzszene und genießt auch international große Anerkennung. Mit geschlossenen Augen, auf Zehenspitzen wippend, spürte sie mit körperlichem Einsatz den exaltierten Klängen am Flügel und der treibenden Rhythmik des Schlagzeugs nach und entwickelte mit empathischer Treffsicherheit eine ebenso anspruchsvolle wie zupackende Improvisation. Im nächsten Moment gab sie sich ganz den lyrischen Momenten hin und intensivierte sie mit weiten, weichen Sequenzen. Mit dieser kreativen Leichtigkeit zwischen den Extremen pendelnd, hat sich die Saxofonistin zu Recht den Jazzpreis Berlin 2020 eingespielt.

Einfallsreichtum und ungebändigte Kreativität kennzeichnen auch Uwe Oberg, der sich frei und ungehemmt am Flügel entfaltete, an dessen Saiten zupft, an den Eingeweiden des Instruments zerrt, Eberhards Motive und rhythmische Ausgestaltung in sein Spiel übernahm und im nächsten Augenblick auf der Tastatur allerzarteste Töne wie Tropfen auf die Gehörgänge herabperlen ließ.

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Zu diesen beiden Jazzmusikern, die schon 2014 zu einem fruchtbaren Duo zusammenfanden, gesellte sich zwei Jahre später der amerikanische Schlagzeuger Gerry Hemingway – und es funkte sofort in diesem Trio. Zunächst im Rahmen des von Oberg seit 2000 kuratierten Wiesbadener Festivals „Just Music“ engagiert, war er seitdem schon bei vielen Projekten der treibende Drummer des Trios, der mit anspruchsvollen, aber nicht verkünstelten Grooves für musikalische Spannung sorgte. Dabei produzierte er nicht nur harte Beats, sondern mit Bogen und Besen auch sphärische Klänge.

Hier haben sich drei Freigeister gefunden, für die Jazz ein offenes Spielfeld ist, die spontan ihren Eingebungen folgen und für die es selbstverständlich keinerlei stilistische Grenzen gibt. Selbst unverhohlen swingende Elemente wurden selbstbewusst in die Sets eingebaut. Wer hier wen anspornte und zu ausgefallenen Improvisationen antrieb, war an diesem Abend irrelevant – so eng war ihr Spiel miteinander verflochten und entsprach ihrem Motto „Oh, sweet communication!“

Zum Glück wurde das Konzert mitgeschnitten – für den Fall, dass es über längere Zeiträume notwendig sein sollte, Musik aus der Konserve daheim konsumieren zu müssen, wird man mit solchen Aufnahmen trotz fehlender menschlicher Interaktion zwischen Künstler und Publikum einen lebendigen Jazzabend nachempfinden können.