„Carmen La Cubana“: Neues Musical versetzt Bizets Heldin...

Luna Manzanares Nardo (als Carmen) und das kubanische Musical-Ensemble. Durch Gastspiele in Europa sichern sich die Akteure ein ordentliches Auskommen. Foto: BB Promotion

Kubanische Sänger und Tänzer bringen einerseits in Europa Exotik auf die Musicalbühne, anderseits halten sie sich durch ihre Auftritte im Ausland finanziell über Wasser.

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FRANKFURT. Revolution auf Kuba im Jahr 2018: Soldaten marschieren an diesem Vormittag im Nationaltheater Havannas auf, Unruhe in der größten Zigarrenfabrik der Stadt, Rebellen mischen sich unter die stolzen, schönen Arbeiterinnen – wenn das Fidel Castro noch erlebt hätte… Doch die Errungenschaften seiner sozialistischen Republik sind nicht in Gefahr, der einstige „Maximo Lider“ kann beruhigt von seiner Himmelswolke weiter das träge Leben in der Hitze der Inselhauptstadt verfolgen: Der Aufstand ereignet sich allein auf der Bühne des altehrwürdigen Teatro Nacional, wo Carmen den Soldaten den Kopf verdreht.

Carmen? Ja, Bizets legendäre Opernheldin ist in den Wirren der kubanischen Revolutionshistorie angekommen, aus dem klassischen Musiktheater ist in dieser Produktion ein von Salsa und Bebop durchzogenes Musical geworden: „Carmen la Cubana“ – das erste kubanische Musical, das nun auf seiner Deutschland-Tour nach Frankfurt kommt. Voller landestypischer Elemente von Zigarrenrollerinnen bis Boxern, mit kubanischen Darstellern und kubanischer Musik – „ein rhythmisch-harmonisch neues Kleid für den alten Körper“, wie Hector Martignon den Mambo-Aufstand blumig umschreibt. Ein dramaturgisch-musikalischer Umsturz? Keinesfalls, wiegelt der Musical Director ab. Denn die Geschichte der Oper habe ja eigentlich schon „falsch angefangen“: „Spanisch ist doch hier im Grunde nichts: Bizet war kein Spanier, die berühmte Habanera stammt aus Havanna – wahrscheinlich ist Kuba als Spielort für ‚Carmen‘ viel passender als Spanien. Bizet hat sehr viele revolutionäre Harmonien und Melodien verwandt – seine Chromatik, etwa die kleine None: Solchen Sprüngen haftet bis heute der Klang des Umbruchs an.“ Weshalb es eben auch nicht schwierig gewesen sei, diese Musik in eine Jazz-Sprache zu übertragen und mit lateinamerikanischen Rhythmen zu versehen. Und dazu noch eine kühne These: „Die ursprüngliche Carmen hat das europäische Publikum mittlerweile doch ohnehin satt – unser kubanisches Element hingegen besticht durch seine Energie und Frische.“

Satt hat so mancher Kubaner hingegen inzwischen das vermeintliche sozialistische Erfolgsmodell, das doch nach dem (wirtschaftlichen) Zusammenbruch des großen Revolutionsbruders Sowjetunion längst nicht mehr funktioniert. Die staatlich garantierten Lebensmittel zu vergünstigten Preisen reichen nicht mehr zum Überleben, in den Supermärkten sind Waren knapp und teuer angesichts eines monatlichen Durchschnittseinkommens von 140 Euro. Schlaglöcher „zieren“ alle Straße und Fußwege, selbst der berühmte Platz der Revolution ist von kleineren Kratern durchzogen, zahllose zerbröckelnde Wohnhäuser zeugen vom langsamen Zerfall der einstmals prächtigen Viertel Havannas – und einen frischen Farbanstrich gibt es allein für Parteigebäude. Auf den Straßen drehen blitzende Oldtimer für Touristenfahrten ihre Runden, während die Kubaner sich mit uralKubanische ten Moskwitchs oder MZ-Motorrädern aus ehemaliger DDR-Produktion herumschlagen, deren stinkende Abgase einem in der Schwüle auch noch den letzten Atem rauben.

Eine (wirtschaftliche) Tristesse, die für manchen Besucher im Sonnenlicht noch einen Charme des Morbiden gewinnen mag – oder auch vom schönen Schein auf einer der zahlreichen Musik- und Theaterbühnen übertüncht wird. Denn „die Kubaner lieben Musik und Tanz, es liegt uns im Blut“, sagt Autor Norge Espinosa Mendoza, der für „Carmen la Cubana“ die Texte neu geschrieben hat. Und tatsächlich gebiert das kubanische Ausbildungssystem in dieser Hinsicht reichlich Talente, sorgt ein Platz an einer der vielen staatlichen Musik- und Tanzschulen später für ein ordentliches Auskommen. Überhaupt scheinen die meisten Menschen hier Musik und Tanz zu lieben, wie ein Blick in die Straßen Havannas offenbart.

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Sängerin Luna Manzanares Nardo ist in Kuba ein Star

Zudem gäbe es auf der Insel sehr viele Jazzclubs, erzählt BB Promotion-Chef Ralf Kokemüller, der als Veranstalter „Carmen la Cubana“ nun nach Deutschland bringt. „Kubaner improvisieren einfach unheimlich gern – das ist für sie die Königsdisziplin.“ So auch für Luna Manzanares Nardo: Einst begann die Sängerin ihre Karriere in einem jener Clubs – heute ist die 28-Jährige daheim ein Star, darf an Feiertagen schon mal die Nationalhymne singen. Und soll nun in der Rolle der Carmen auch ferne Länder becircen, wenn die Musical-Produktion jetzt auf Tour durch Deutschland, Europa und Asien geht.