Vier aktuelle Comicbände zu Frauenrollen und Geschichte

Was tun bei behaarten Beinen? Die feministischen Kolumnen von Lisa Frühbeis lassen kein Thema aus. Foto: Carlsen-Verlag

Vier neue Alben fragen nach traditionellen Frauenrollen, kleiden Hannah Arendt in Grün und berichten vom Horror in Dachau.

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. Die schwedische Feministin und Politikwissenschaftlerin Liv Strömquist schafft es in ihren Comics immer wieder, typische Geschlechterrollen ebenso informativ wie unterhaltsam auseinanderzunehmen. In ihrem aktuellen Album „Ich fühl’s nicht“ (avant-Verlag, 176 SW-Seiten, 20 Euro) geht sie der Frage nach, weshalb Beziehungen immer kürzer dauern. Wir passen sie automatisch an die jeweiligen Konventionen an, und das sind vor allem Selbstverwirklichung, Konsum und Narzissmus – nicht gerade Grundlagen für langjährige Bindungen. Aber auch humoristische Elemente hat sie wieder als Running Gag eingeflochten – unter anderem begegnen wir dem Druiden Miraculix und den Schlümpfen. Ein Album, in dem man mehr über Rollenverhalten lernt als in zwei Jahren Psychoanalyse.

Mit typischem Rollenverhalten beschäftigt sich auch Lisa Frühbeis in „Busengewunder“ (Carlsen-Verlag, 128 Seiten, 15 Euro). Nicht so historisch tiefgründig wie Strömquist, aber immer auf den Punkt seziert sie beispielsweise die Vermarktung von Geschlechterrollen: Kleidung für Männer ist mit vielen Taschen einfach nur praktisch, während Frauen in ihren Klamotten vorrangig gut aussehen sollen. Der fehlende Stauraum muss durch entsprechende Accessoires wie Handtaschen ausgeglichen werden. Und nein, auch pinkfarbene Hämmer sorgen nicht dafür, dass frau den Nagel immer auf den Kopf trifft. Mit ihrem Stift trifft Frühbeis dagegen fast immer. Ob Konsum, Menstruation, behaarte Beine, Pumps und Eisspray – ihre Comic-Kolumnen, die zwischen von 2017 und 2019 im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen sind, sind köstlich zu lesen.

In „Die drei Leben der Hannah Arendt“ (dtv-Verlag, 224 Seiten, 16,90 Euro) will der Amerikaner Ken Krimstein herausfinden, welche Episoden im Leben der streitbaren Publizistin für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit wesentlich waren. Krimsteins Zeichnungen wirken mehr flüchtig hingescribbelt als akkurat per Linie gezogen, was sie ungeheuer lebendig macht. Er beschränkt sich dabei komplett auf Schwarzweiß. Nur die Arendt kleidet er in Grün – was ihr ausgezeichnet steht. Manches wird ein bisschen kurz abgehandelt, zum Beispiel die Auseinandersetzung über den Eichmann-Prozess und die Banalität des Bösen. Insgesamt liefert Krimstein mit diesem Band zwar keine konventionelle Biografie, aber einen interessanten Einblick in wichtige Entwicklungsprozesse.

Guy-Pierre Gautier übernahm als Sechzehnjähriger 1941 erste Aufgaben in der Résistance, war an Sabotage- und Aufklärungsaktionen gegen die deutschen Besatzer in Frankreich beteiligt, wurde verhaftet und nach Folterungen durch die Gestapo mit Hunderten anderer Gefangener in das KZ Dachau gekarrt. Er hat überlebt. Sein Enkel Tiburce Oger ist Comiczeichner und hat die Geschichte seines Großvaters in Bilder gepackt, die das Grauen erschreckend real transportieren. Oft reichen ihm Kleinigkeiten: Wenn ein KZ-Häftling sich die Zigarette an der Glut der soeben im Krematorium verbrannten Leichen ansteckt, zeigt das, welchen Grad an Abstumpfung Menschen erreichen, die täglich aufs Neue sadistisch gequält und entwürdigt werden. Ein Album, das, von kleinen erzählerischen Ungenauigkeiten abgesehen, Text und Bild in gleich hoher Qualität zusammenbringt, und nicht nur den Horror in den Konzentrationslagern schildert, sondern auch einen authentischen Einblick in die Arbeit der Résistance gibt („Überleben in Dachau“, Bahoe-Books, 86 Seiten, 19 Euro).