Neue Bücher zum Thema Kapitalismus

Der Kapitalismus kennt viele Kritiker – aber immer weniger Alternativen. Das legen drei Bücher nahe, die sich auf unterschiedliche Weise dem politisch-gesellschaftlichen Wandel widmen. Das Archivfoto des Filmemachers Martin Keßler stammt aus seinem Film „Reise in den Herbst“ über deutsche Protestbewegungen, es entstand in Hamburg bei den Demonstrationen während des G-20-Gipfels. Inzwischen ist der Kinofilm als DVD erschienen, bestellbar unter neuewut.de. Archivfoto: MK Filmproduktion

Dem Kapitalismus fehlen die Gegner: Drei aktuelle Studien analysieren die weltumspannende Wirtschaftsordnung und ermuntern zur Einmischung.

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BUCH. Diese drei Bücher kann man insbesondere solchen Lesern empfehlen, die eine gewisse Leseanstrengung nicht scheuen, im Gegenzug aber bereichert werden. Alle drei tragen den Begriff „Kapital“ im Titel, weil die Autoren von der Erkenntnis ausgehen, es sei das kapitalistische Wirtschaftssystem, welches den Lauf der Welt nicht nur des 21. Jahrhunderts wesentlich bestimmt.

Greift man zuerst zu Joseph Vogls „kurzer Theorie der Gegenwart“ (so der Untertitel), erhält man eine fundamentale, mit Fakten und Daten gespickte Darstellung unserer Welt. Dabei ist Vogl eigentlich Literaturwissenschaftler – hat aber schon 2010 mit „Das Gespenst des Kapitals“ ein überraschend erfolgreiches Ökonomie- und Gesellschafts-Buch veröffentlicht. Seitdem hat er sich kontinuierlich als profunder Analyst und Kritiker gesellschaftlicher Entwicklungen und deren ökonomischer Hintergründe profiliert. Seine Erkenntnisse bringt er in diesem Band auf einen erstaunlich kompakten und großartig analytisch abgeleiteten Nenner. Vogl erkennt einen reformierten Kapitalismus, der die Bewirtschaftung von Informationen als Quelle der Wertschöpfung entdeckt hat und der sich in Medienkonzernen wie Google zusehends stabilisiert. Leider nutzt der Literaturwissenschaftler aber eine nicht unbedingt leserfreundliche Sprache voller fachspezifischer Formulierungen. Dabei hätten es seine Inhalte verdient, von einem breiten Publikum gelesen und verstanden zu werden: Vogl öffnet Einblicke in Zusammenhänge, die Erklärungen für globale wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche und politische Entwicklungen liefern. Mit ihnen können Leser hinter die oft sorgsam aufgestellten Kulissen blicken. Das befähigt sie, sich als wahre, informierte Demokraten in Politik und Entscheidungsprozesse einzumischen, zu engagieren: ein Lohn, der so manche Lesebemühung mehr als wettmacht.

Auch der Wirtschaftswissenschaftler und Weltbank-Ökonom Branko Milanovic konstatiert schon im Titel seines Buches den globalen Siegeszug des Kapitalismus. Diese wertneutral vorgetragene These mag zunächst überraschen, doch mit jeder Seite dieses Bandes wachsen Verständnis und Zustimmung: Nicht mehr der Kommunismus ist der Gegner dieser Wirtschaftsordnung, vielmehr konkurrieren liberale und autoritäre Ausprägungen des Kapitalismus. Milanovic liefert zunächst einen historischen Überblick der Entwicklungen seit dem Kalten Krieg: vom Zusammenbruch des Staats-„Sozialismus“ hin zum globalen Kapitalismus – bis zu einem Ausblick auf dessen zukünftige Gestaltung. Das alles gelingt ihm erfreulich stringent, also klar strukturiert, somit logisch gut nachvollziehbar, außerdem souverän sowie verständlich formuliert. Mit dem Wissen aus dieser Lektüre ist man für viele Debatten über Probleme unserer Zeit gut gerüstet.

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Genauso hilfreich ist die Lektüre der in New York aktiven deutschen Rechtsprofessorin Katharina Pistor. Die aus der „Kritik des Gothaer Programms“ (1875) von Karl Marx gewonnene Formulierung „Das herrschende Recht ist das Recht der Herrschenden“ könnte ein Motto dieses Werkes sein. Pistor schildert, wie die Gestaltung von Recht direkte Auswirkungen auf die Gestaltung der unterschiedlichen Ebenen von Gesellschaft, das Leben in ihr hat, insbesondere auf die Eigentumsverhältnisse verschiedener Segmente wie Produktion, Grund und Boden, Natur. Ihre Darlegungen können und sollten Leser ermutigen, sich eben genau auf diesen Rechtsgebieten, in die politischen Prozesse ihrer Gestaltung einzumischen, sie mit zu bestimmen und also ihrer Aufgabe als Demokraten und Bürger gerecht zu werden. Pistor zeigt: Das lohnt sich.