Jugendsprache aus 500 Jahren

Nach Matthias Heines Rückschau auf 500 Jahre würde man gerne zumindest mal 50 Jahre in die Zukunft lauschen. Foto: sinuswelle - Fotolia.de

Zungenküsse von Generation zu Generation: In seiner Kulturgeschichte „Krass“ lauscht Matthias Heine der Jugend hinterher.

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. Wer 1795 im damals neu erschienenen „Idiotikon der Burschensprache“ blätterte, der wusste, was ein krasser Fuchs ist. Das war so wenig ein stattliches Exemplar der Märchengattung Reineke, wie ein Idiotikon ein Buch voll bescheuerter Begriffe ist. Im Idiotikon steckt die eigentümliche Sprechweise einer Gruppe oder Region, das Idiom. Der Fuchs wiederum gilt bis heute als neues Mitglied einer Burschenschaft. Und „krass“ leitete sich vom lateinischen „crassus“ (dick) ab.

Nach Matthias Heines Rückschau auf 500 Jahre würde man gerne zumindest mal 50 Jahre in die Zukunft lauschen. Foto: sinuswelle - Fotolia.de
Wandern als Jugendbewegung? Das gab es wirklich: Ende des 19. Jahrhunderts war der Wandervogel auf der Höhe der Zeit. Archivfoto: H.K. Lamm

Die „crassa ignorantia“ war ein dicker Fehler, ein krasser Fuchs also ein ahnungsloser Student, der bei Sitten und Gebräuchen der Burschenschaften patzte. Das Wort ging mit der Bedeutung „extrem“ im frühen 19. Jahrhundert in die Verkehrssprache ein, um Ende des 20. Jahrhunderts wieder von der jungen Generation als Ausdruck von Begeisterung und Erstaunen umgeprägt zu werden.

Es sei wohl „das einzige Wort, das gleich zweimal und im Abstand von knapp 300 Jahren aus der Jugendsprache ins allgemeine Umgangsdeutsch gelangte“, schreibt der Kulturjournalist Matthias Heine in seinem ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Buch „Krass“, das im Untertitel „500 Jahre deutsche Jugendsprache“ verspricht, um dann gleich den Zusatz „Eine Kulturgeschichte“ folgen zu lassen. Denn von Jugendsprache im heutigen Sinn kann eigentlich erst seit den Tagen der Wandervogel-Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts die Rede sein.

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Was Matthias Heine, ausgehend von den zechenden und prügelnden Studenten ab dem 16. Jahrhundert, ins Visier nimmt, sind Sprechweisen, die oft unabhängig von der Phase des Erwachsenwerdens aufblühten: ein „Gruppenstil trinkfester und leicht reizbarer Akademiker“. In universitären Zirkeln war der Hang zum Wortspiel offenbar so ausgeprägt wie Rauf- und Sauflust.

Mit pseudolateinischen Endungen versehen, kamen Luftikus und Pfiffikus in die Welt. Die Endung -ien hat uns Lappalien und Fressalien beschert. Mit einem griechischen -os am Ende entstand das Adjektiv zum ruppigen Burschenschafter, dessen heutige Bedeutung wir vor allem auf Mädchen beziehen, die wenig mädchenhaft, sondern eben burschikos sind.

Es folgte im 18. Jahrhundert die Mode, französelnde Begriffe auf -age oder eux (-ös) zu bilden, wie die Blamage, die der Franzose gar nicht kennt. Und das Wort „schauderös“ aus jener Zeit klingt weniger nach Deutschland, sondern nach dem Entenhausen der legendären Übersetzerin Erika Fuchs. Neben Latein, Griechisch und Französisch borgten sich die Studenten auch Wörter aus dem Jiddischen (schofel: schäbig) und aus der Gaunersprache Rotwelsch (foppen) aus.

Mit dem nationalistischen Pädagogen und Politiker Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) wurde die Jugendsprache in post-napoleonischer Zeit ideologisiert: Weg mit all den Anleihen aus dem Ausland, der „Schleichware“. Der „Turnvater“ verlangte Sprachreinheit, baute altdeutsche Begriffe in sein Vokabular ein. Fort auch mit allen Neuschöpfungen: „Treffliche alte Wörter werden übersehen, fristen in abgelegenen Winkeln ihr Dasein.“ Jahn war am Ende seines Wirkens eben nicht nur politisch, sondern aus tiefer Überzeugung auch sprachpolizeilich reaktionär. Die Nazis griffen auf seine „Gaue“ ebenso gern zurück wie auf die Worte „Heil“ und „Führer“, die Jugendliche des Wandervogels mit unschuldiger Naturverbundenheit im Munde führten.

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Matthias Heine referiert davon nicht enzyklopädisch, sondern im Plauderton einer pointierten Vorlesung mit Analyse und Anekdoten. Dabei staunt der Autor selbst darüber, wie durchlässig Gruppensprachen schnell werden, obwohl sie ja eigentlich zur Abgrenzung dienen sollen; und wie lang viele Begriffe jene Jugend überlebt haben, die sie einst prägten. Natürlich sind Adjektive wie „knorke“, „schaffte“ und „dufte“ aus den 1920er Jahren heute veraltet, aber aus Nostalgie heraus doch nicht vergessen. Aus den Fünfzigern hallt heute noch bisweilen „pfundig“, „wuchtig“ oder „spitze“ nach.

So wie beim „Abhotten“ nicht mehr jeder an den unter den Nazis verfemten (Hot)-Swing denkt, hat man bei „cool“, dem Inbegriff der Lässigkeit, auch nicht unbedingt den (Cool)-Jazz im Kopf. So wie sie die Analogie von Hipstern zu Hippies und Hip-Hop auch nicht jedem gleich aufdrängt. Englisch war nach dem Krieg halt „hip“ – angesagt. Bis heute, seit den Neunzigern aber in verstärkter Konkurrenz zu türkischen oder arabischen Begriffen.

Der multikulturelle Zungenkuss, der für Sprachpuristen ein Gräuel sein mag, ist für die Vielfalt und Kraft einer Sprache doch bereichernd. Nach Matthias Heines Rückschau auf 500 Jahre würde man gerne zumindest mal 50 Jahre in die Zukunft lauschen. Gerade in diesen Zeiten, da amtliche Rede durch Verordnungen diverser werden soll. Dabei ändert sich Sprache doch oft am besten in jugendlicher Spielfreude. Yalla, auf geht’s zu neuen Krassitäten!