Günter de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll

Nachdenklichkeit und stilistische Elganz: Günter de Bruyn erzählt von der Weltsicht im Alter. Archivfoto: dpa

Drei Jahrzehnte lang hatte Günter de Bruyn kein Werk der Fiktion mehr vorgelegt. Mit diesem kleinen Roman zeigt er einmal mehr, was für ein großartiger Erzähler er sein kann.

Anzeige

. Eigentlich möchte Hedwig Leydenfrost ihren neunzigsten Geburtstag gar nicht feiern. Einst gehörte sie zu den Protagonistinnen der Studenten- und Friedensbewegung, war Gründungsmitglied der Grünen. Nach der Wiedervereinigung zog sie sich, politisch ein wenig desillusioniert, auf das Familiengut in Brandenburg zurück. Der freundschaftliche Dauerstreit mit ihrem konservativ empfindenden Bruder hat sie geistig in Bewegung gehalten. Jüngster Streitgegenstand ist die Flüchtlingspolitik der amtierenden Kanzlerin. Um der Willkommenskultur willen lässt die alte Dame sich dann doch zu einer Geburtstagsfeier überreden – verbunden mit der Aufforderung, statt eventueller Geschenke für Flüchtlingskinder zu spenden.

Nachdenklichkeit und stilistische Elganz: Günter de Bruyn erzählt von der Weltsicht im Alter. Archivfoto: dpa
Günter de BruynDer neunzigste Geburtstag. Ein ländliches IdyllVerlag S. Fischer, 270 Seiten, 22 Euro.

Während ein strenger Winter übers Land zieht, kreuzen die Festvorbereitungen immer wieder mit den Handlungssträngen einer ganz anders gearteten Parallelaktion. Wo Hedwig und ihre Unterstützer eine moralische Pflicht sehen, wittern andere längst die Gelegenheit, mit der Unterbringung von Flüchtlingen Geschäfte zu machen.

Drei Jahrzehnte lang hatte Günter de Bruyn, der selbst die Neunzig überschritten hat, kein Werk der Fiktion mehr vorgelegt, dafür eine beachtliche Zahl von Memoirenbänden, Essays, biografischen Arbeiten. Mit diesem kleinen Roman zeigt de Bruyn einmal mehr, was für ein großartiger Erzähler er sein kann. In einem gelassenen Erzählton entwickelt er seinen Plot – und lässt ihn dann auf eine satirische Pointe zulaufen.

Anzeige

Beeindruckend ist nach wie vor das Vermögen dieses Autors, im Leben seiner Figuren Vergangenheit und aktuelle Gegenwart zu verschränken. Da wird unaufdringlich deutlich, wie sehr politische Regime das Denken und Empfinden nachhaltig prägen können. Leo etwa, der in der DDR nur einen unbedeutenden Bibliothekarsposten erhielt, weil er nicht in die Partei eintreten wollte. Jetzt im Alter ist er ein melancholischer Skeptiker, der die Welt zwar noch versteht, aber längst nicht mehr in ihr heimisch ist. Sein Heimatdorf verödet nach und nach, die evangelischen Pastoren laufen sendungsvergessen dem Zeitgeist nach, die eigenen Enkel und Neffen sind für Facebook, aber nicht mehr für Fontane zu begeistern. Richtig zornig werden kann dieser Bildungsbürger, wenn die deutsche Sprache vom Korrektheitswahn des „sogenannten Genderns“ verhunzt wird. Ein Konservativer eben, dem de Bruyn dann auch noch recht plakative kritische Meinungen über Flüchtlinge in den Mund legt. Das irritiert dann doch ein wenig – ist man doch geneigt, diese Figur als literarischen Stellvertreter des durch Besonnenheit ausgewiesenen Autors anzusehen.

Im Übrigen zeichnet sich der Roman dann zum Glück eher durch genaue Menschenbeobachtung als durch Meinungsverkündigung aus. Ohnehin ist dieses „ländliche Idyll“ ebenso ein Gesellschaftsroman wie eine Studie über die Weltwahrnehmung alter Menschen. Wie die alte Dame und ihr Bruder, jeder auf seine eigenen Weise, ihr Leben bilanzieren sich in ein Verhältnis zu ihren Versäumnissen setzen und dennoch nicht aufgeben – das macht diesen Roman zum beachtlichen Alterswerk eines Autors, der nach wie vor redliche Nachdenklichkeit mit stilistischer Eleganz zu verbinden weiß.