„Fast hell“ von Alexander Osang

Reporter und Romanautor: Alexander Osang verknüpft in „Fast hell“ zwei Lebensgeschichten Foto: Felix Rettbereg

Die Geschichte einer abgebrochenen Reportage: Osang wird seine Antwort nicht finden. Aber die Wege, auf denen er sie sucht, sind das eigentlich Spannende.

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BUCH. Uwes Vater ist Unterwasserschweißer. In der DDR sind solche Leute gefragt, und wer diese Nachfrage zu bedienen weiß, kann sein Leben einigermaßen unbehelligt verbringen. Details wie diese faszinieren den Journalisten und vielfach preisgekrönten „Spiegel“-Reporter Alexander Osang, einen noch zu DDR-Zeiten sozialisierten Querkopf und Apostel der Aufsässigkeit. Die Grotesken des Lebens, die großen und die kleinen, sind seine Themen. Unterwasserschweißer. Uwes Vater also hat seine Nische gefunden. Doch wer ist Uwe?

Das versucht Alexander Osang jetzt in seinem Roman „Fast hell“ zu klären. Er wird die Antwort nicht finden. Aber die Wege, auf denen er sie sucht, sind das eigentlich Spannende. Es beginnt mit einem Arbeitsauftrag an den Reporter Alexander Osang. Der „Spiegel“ fordert für ein Sonderheft zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum das unkonventionelle, das „ganz andere“ Porträt eines Ostdeutschen vor und nach 1989. Osang erinnert sich an einen beiläufigen Bekannten aus seinen acht New Yorker Jahren als „Spiegel“-Korrespondent – eben jenen Uwe, einen etwa gleichaltrigen Dolmetscher aus Brandenburg.

Wer ist Uwe, und wie kam er nach New York?

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Woher kommt dieser Uwe, wie ist er in New York gelandet? Osang sieht einen von Unruhe Getriebenen, wie er selbst einer ist. Er nimmt Kontakt auf und verabredet mit ihm eine Fährfahrt von Helsinki nach St. Petersburg – zweieinhalb Tage, um sich ein Leben erzählen zu lassen. Es ist Sommer, es sind die weißen Nächte. Sogar um Mitternacht ist es „fast hell“. Und genauso faltet sich diese Biografie auf: fast hell. Aber tatsächlich nur fast.

Die Parallelen zwischen den Lebensläufen der Gesprächspartner halten sich bei genauem Hinsehen in Grenzen: Beide sind im Osten groß geworden, beide suchen ihr Glück in rastlosen Ortswechseln. Uwe hat einen kommunistischen Großvater, der als Schauspieler immer wieder den großen Auftritt sucht. Diese Erzählung beflügelt Osangs Erinnerungen an die eigene Familiengeschichte, trägt ihn aber eine Generation weiter zurück, zum Urgroßvater, der im zaristischen Russland ermordet wurde, zur Urgroßmutter, zu deren Kindern. Ein Geflecht aus Assoziationen entsteht: Biografieschnipsel, kurze, wie willkürlich aneinandergeklebte Details aus Hunderten von Lebensbeschreibungen.

„Irgendwann“, schreibt Osang, „ersetzen unsere Erzählungen unsere Erinnerungen.“ Welch ein Satz! Mehr als die Erzählungen bleibt nicht von einem Leben. Doch man muss sich hüten, nach Mustern, nach dem Vorhersehbaren zu suchen. Um überhaupt Haltepunkte zu finden, spürt Osang daher die paradoxen Situationen auf, die paradoxen Wendungen, die auf jedem Lebensweg mal die Sinnfrage aufwerfen.

Oft existiert ein solches Paradoxon allerdings nur im Kopf des Erzählers. Als Uwe von seinen wilden Zeiten als Schmuggler in China berichtet, schieben sich Osangs Erinnerungen an eine Dienstreise zu den Weltjugendfestspielen in Nordkorea 1989 davor, wo er bei einem Besuch der innerkoreanischen Grenze mit dem Gedanken spielt, an einem unbewacht scheinenden Aussichtspunkt den Sprung in die Freiheit zu wagen. Er tut es dann doch nicht. Aber das Gedankenkino läuft in der Rückschau sofort weiter: Was, wenn er durchgestartet und gelaufen wäre? Er hätte, das weiß er heute, bei der Öffnung der Berliner Mauer mit großer Wahrscheinlichkeit in einem nordkoreanischen Gefängnis gesessen.

So reiht sich Geschichte an Geschichte. Als Osang am Ende jedoch in Erfahrung bringt, dass Uwe in seinen jungen Jahren für die Stasi gearbeitet hat – kurz nur, aber immerhin –, liefert ihm das den Anlass, seine versprochene Geschichte für das „Spiegel“-Sonderheft zurückzuziehen. Er fürchtet, eine ungewollte Einladung zum Schubladendenken zu liefern, eine Einladung zu vorschnellen Urteilen. Das Leben ist nicht glatt und zielgerichtet wie ein Zeitschriftenfeature, es folgt keinem Muster. So aber wird aus einer verhinderten Reportage ein lebenskluger, mit Überraschungen gespickter Roman.