„Fangs – Voll verbissen“ und andere neue Comics

Harmloser Beginn einer besonderen Freundschaft: Zeichnung von Sarah Anderson aus ihrer schwarzhumorigen Story „Fangs - Voll verbissen“. Foto Splitter-Verlag

Es ist dieser Gegensatz zwischen mörderischen Zähnen und handzahmen Kuscheltieren, der den Reiz des Albums ausmacht: Zum Verlieben schräg.

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SCHWARZEN. Das Leben ist gegenwärtig öde genug, da will man ab und an auch was zu lachen haben. Die Cartoonistin Sarah Anderson erzählt in ihrer schwarzhumorigen Lovestory „Fangs – Voll verbissen“ (Splitter-Verlag, 104 Seiten, 19,80 Euro) von der Liebe zwischen einer Vampirin und einem Werwolf. Die beiden haben so ihre eigene Art, mit Dingen umzugehen. Er, ganz verträumt „Wie wär’s mit einem Baby?“ Sie, ganz erfreut: „Zum Abendessen?“ Aber hier wird nicht nur dem schwarzen Humor gehuldigt – hier wird auch ganz romantisch angeschmachtet, gesehnsüchtelt und was man noch alles tut, wenn man gerade komplett verschossen ist und auf dem Sofa schmusend über kitschige Horrorfilme lästert. Es ist dieser Gegensatz zwischen mörderischen Zähnen und handzahmen Kuscheltieren, der den Reiz des Albums ausmacht: Zum Verlieben schräg.

Die Holländerin Penelope hat Familie, hilft aber regelmäßig freiwillig als Chirurgin im syrischen Bürgerkrieg. Judith Vanistendael schildert in ihrem Album „Penelopes zwei Leben“ (Reprodukt, 176 Seiten, gebunden, 20 Euro) den Zwiespalt, in dem Penelope sich damit befindet. Sie ist für ein Vierteljahr zuhause, freut sich auf Mann, Tochter und Familie, wird aber die Bürgerkriegs-Gespenster nicht wirklich los. Einige ihrer Freunde wiederum können nicht nachvollziehen, dass sie oft monatelang in Syrien operiert und ihre pubertierende Tochter derweil alleine beim Vater lässt. Es sind nicht nur die aufgekratzten Mückenstiche an Penelopes Beinen, die nicht mehr gut heilen: Die kleinen Risse in meiner Existenz heilen auch nicht mehr so gut wie früher, stellt sie fest. Die Frage, die Vanistendael mit diesem Comic stellt, ist die nach der Verantwortung: Verantwortung für die Familie, okay, aber: Können wir uns einfach von Dingen abschotten, die anderswo auf der Welt vor sich gehen?

Fragen, die sich auch in früheren Zeiten stellten: Boris Golzio erzählt in „Die Geschichte von Francine R.“ (avant-Verlag, 136 Seiten, gebunden, 24 Euro) die Erlebnisse einer 22-jährigen Französin, die während des Zweiten Weltkriegs in Paris als Widerstandskämpferin verhaftet wird und anschließend eine Tour de Force durch deutsche Konzentrationslager erdulden muss. Das Album entstand nach vielen Gesprächen – als Text nimmt Golzio ihre Erzählung als O-Ton. Weshalb sie diesen Horror überlebte, weiß sie selber nicht genau. Vielleicht, spekuliert sie, aufgrund ihres Alters. Sie war jung und arbeitsfähig, und Firmen wie Siemens und Co. griffen gerne auf widerstandslose KZ-Insassen zurück. Die hatten zwar nicht mehr viel Kraft (Francine wog noch 33 Kilo, als sie befreit wurde), aber sie waren billig.

In dem Neo-Western „Regenwolf“ von Ruben Pellejero und Jean Dufaux (Schreiber & Leser, 144 Seiten, 29,80 Euro) ist einiges anders als in konventionellen Bänden dieses Genres. Ein Indianer erschießt einen Weißen in Notwehr, dessen Freunde sinnen auf Rasche, aber ausgerechnet der Eisenbahn-Boss verhindert, dass der Indio gehängt wird. Im Gegensatz zu den Viehbaronen in üblichen Western ist er kein Kapitalist, dem Geld über alles geht, sondern durchaus kultiviert und den Menschenrechten zugetan. Auch die Frauen haben aktive Rollen und stehen in diesem Album nicht nur zur Dekoration in der Gegend rum. Dadurch, dass Dufaux zwei Lovestories in die Geschichte einbaut, die den gesellschaftlichen Konventionen zuwider laufen, reißt er weitere Klischees ein und bringt zusätzlich Spannung in die Geschichte.