„Dresden. 500 Orte der Musik“ von Christoph Münch

Die Semperoper ist eine Ikone der Musikstadt Dresden – so viel ist sicher. Das prachtvolle Buch von Christoph Münch bietet neben Gewissheiten dieser Art auch jede Menge Überraschungen. Foto: Christian Knatz

Klatschgeschichten und Kriegshorror: Das Musikporträt Dresdens entpuppt sich als Schatzkarte, die zu bekannten Reichtümern und faustdicken Überraschungen führt.

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ALTSTADT. Ein Rezensent der „Rhein-Neckar-Zeitung“ hat Christoph Münchs Buch gewogen und für (zu) gewichtig befunden: Mit 1812 Gramm sei das Kompendium des in Lorsch aufgewachsenen Musikwissenschaftlers zu „500 Orten der Musik“ in seiner Wahlheimat Dresden bei aller Qualität nicht geeignet als Reiseführer zum Mitnehmen. Nun, so scheint der von Münch selbst so genannte „Versuch einer musikalischen Topografie“ auch nicht gemeint zu sein.

Kein Mensch liest beim Spazieren ausgiebige Anekdoten über Künstler, ihre Aufführungsorte und Wohnhäuser. Zur Vorbereitung einer Reise nach Dresden, dem Münch schlüssig den Rang einer Welt-Musikmetropole zuweist, taugt der Paperbackband aber doch, allein wegen der geografischen Gliederung des üppig bebilderten Buchs, von dem drei Fünftel der Dresdner Altstadt vorbehalten sind.

Es ist eine exakt 500 Bauwerke umfassende Schatzkarte, die zu musikalischem Gemeingut ebenso führt wie zu faustdicken Überraschungen. Bach, Weber und Wagner wurden in Dresden zu Hofkapellmeistern ernannt; viele weitere Größen von Alter (Schütz) wie Neuer Musik (Henze) hatten engen Bezug zur sächsischen Landeshauptstadt. Dieses Namedropping wird angereichert durch die Auflistung einer irren Zahl von Richard-Wagner-Wohnungen in der Stadt oder einen über die Jahrhunderte klingenden Stoßseufzer: „Die Moderne hatte es in Dresden bekanntlich nie ganz leicht.“

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Münch fügt den Geehrten die halb (Naumann, Heinichen) oder ganz Vergessenen wie Joseph Schuster hinzu. Und Stars, die wohl die wenigsten mit dieser Stadt verbinden, etwa Quantz, Rachmaninow oder Walzerkönig Johann Strauß. Wer hätte gedacht, dass dessen letzter Walzer den Altersruhesitz Dresden im Namen trägt? Nicht genug des Staunens über eine in vielerlei Hinsicht erstaunliche Musikstadt. Wer weiß schon, dass Dresden das Ost-Pendant zu den Darmstädter Ferienkursen beherbergte? Dass eine Gesellschaft mit Sitz in Roßdorf sich um das Erbe des lange in Dresden lebenden Komponisten Waldemar von Baußnern bemüht? Dass die Stadt 1719 Schauplatz einer der größten mit viel Musik untermalten Sausen der Weltgeschichte war?

Zur Belesenheit des Autors, der seine Magisterarbeit über Musik im Kloster Lorsch geschrieben hat, tritt die Gabe, sich im gediegenen Erzählton mitzuteilen. Sie hilft über die Passagen, in denen das Buch droht, ins Anekdotische abzugleiten oder durch ellenlange Quellen-Zitate den Leser zu überfordern.

Gerade aber weil dieses Lexikon ständig zwischen Klatschblatt-Info und musikwissenschaftlicher Expertise wechselt, lohnt sich die Lektüre. Nur eine Seite trennt mitunter Künstler-Kabale und Liebeleien des 18. Jahrhunderts vom Gedenken an vertriebene und umgebrachte Künstler wie Arthur Chitz, der Aufdeckung NS-infizierter Künstlerkarrieren oder Duckmäuser- wie Kunstbanausentum zu DDR-Zeiten.

Dazu gibt es die bockstarke Aussage zu einer schon vor 1933 sichtbar angebräunten Stadt, diese sei keineswegs „unschuldig in den Krieg geratene Kulturstadt“ gewesen.

Es empfiehlt sich also, sich nicht auf Rundgängen zu verheben, sondern sorgfältig in einem Band zu schmökern, der Glanz und Elend Dresdens am Beispiel von Menschen und Mauern erklärt. Von der über Register erschlossenen Fülle an Namen und Orten muss man sich nicht erschlagen, kann sich aber in Bann schlagen lassen.

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Neben der Semperoper, nicht nur für den Profi-Gästeführer Christoph Münch eine Ikone der Musikstadt, lernt der Leser unglaublich viele andere Spielstätten kennen. Für die meisten ist das Buch ein gehaltvoller Nachruf, denn der Feuersturm vom Februar 1945 war auch für die Musikgeschichte ein Dreh- und Angelpunkt. Bald darauf war das Gemeindehaus im Stadtteil Strehlen vermutlich Schauplatz des ersten Orchesterkonzerts der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vorher und nachher war Dresden auch Hauptstadt des Balletts mit Visionärinnen wie Mary Wigman und Gret Palucca.

Das nicht ganz billige Buch ist es wert, sich in solche Fundsachen zu vertiefen, eine Überfülle an Spiel-, Wohn- und Grabstätten zu entdecken und auf aktuellem Stand (inklusive Corona) noch ein paar Extras zu finden: Dazu zählen eine treffliche Kritik am „zeitgenössischen Investoren-Wohnungsbau“ am Beispiel der im Krieg verschwundenen und in Würfelform wiedererstandenen Johannstadt, der kluge Vergleich des Dresdner Zwingers mit Bachs Stil-Mix-Veredelung oder Bilder des kostümierten Autors und seines Pianisten-Bruders Martin.

Von Christian Knatz