Darmstadt: Literarische Stimmen zur Pandemie

Einsamkeit im Hauptbahnhof: Einer Serie der Frankfurter Fotografin Anna Meuer ist im Corona-Band der Hessischen Literaturfreunde vertreten. Foto: Anna Meuer

Ein Virus weckt die Kreativität: „Co-ro-na“ heißt eine Anthologie. Auch der frühere OB Peter Benz ist vertreten - mit einer Satire über die städtische Krisenpolitik.

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DARMSTADT. Eltern können nicht vorhersehen, was sie ihren Kindern mit dem Namen antun. Man nennt die Tochter Katrina, zehn Jahre später wird eine Wetterlage so bezeichnet, und das Mädchen muss sich viele dumme Wirbelsturm-Witze anhören. Der Darmstädter Schriftsteller Walter Schmiele nannte seine Tochter Corona. Das ging fast sieben Jahrzehnte gut. Jetzt ist Corona Schmiele, die seit 1981 als angesehene Romanistin in Frankreich lebt, dankbar für jeden Freund, der eine scherzhafte Anspielung auf ihren Namen vermeidet. Zumal sie selbst an Covid-19 erkrankte. Wie schwer diese Krankheit verlaufen kann, auch wenn man kein Intensivbett benötigt, erzählt das Tagebuch ihrer vierzigtägigen Isolation, das sie aus der Normandie nach Darmstadt geschickt hat, auf Einladung des Autors und Herausgebers Paul-Hermann Gruner, der literarische Reaktionen auf die Pandemie gesammelt hat.

„Co-ro-na“, heißt der Band, als wolle er mit der Silbentrennung den besonders genauen, differenzierten, betonten Blick signalisieren auf die seltsamen Monate, die geprägt waren vom Stillstand auf der einen, einer ungewissen Bedrohung auf der anderen Seite. Eigentlich kam die Idee zu dieser Anthologie aus der Poseidon-Autorengruppe, aber der Kreis erweiterte sich bald, und so kamen 19 Perspektiven auf das Pandemie-Geschehen zusammen, ergänzt und gegliedert von Anna Meuers Fotografien, die den Stillstand der Metropole Frankfurt in einer starken Serie dokumentieren.

Einige Textbeiträge tragen dokumentarische Züge, auch wenn sie literarisch gefasst sind: Neben Corona Schmieles Bericht gehören die tagebuchartigen Notizen von Marc Mandel, Eberhard Malwitz oder Barbara Zeizinger dazu, die zeigt, wie sehr die Isolation die Menschen empfindsamer macht. Es ist staunenswert, wie rasch dieser Band entstanden ist, mit dem die Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde zugleich sechzig Jahre ihres Bestehens feiert – das Fest aus diesem Anlass, das Mitte Oktober fällig gewesen wäre, muss ja ausfallen.

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Manche Momentaufnahmen mögen auch mit dem kleinen Zeitabstand schon historisch wirken; in der Summe aber ist das erstaunlich treffende Bild einer wundersamen Zeit entstanden, dessen Verbindung von Innen- und Außenperspektive sich durch nahezu alle Texte zieht. Eine Ausnahme ist vielleicht der Beitrag des Herausgebers selbst: Für Paul-Hermann Gruner sind die Pandemie und ihre sprachlichen Begleiterscheinungen erneut Anlass, gegen falsch angewandte oder überflüssige Anglizismen in der deutschen Sprache zu eifern, mit einer polemischen Lust, die vom Virus eher befeuert als geschwächt erscheint.

Hans Zippert, „Welt“-Kolumnist und ehemaliger Darmstädter Turmschreiber, hat zehn Corona-Glossen spendiert, Stefan Benz schickt Justus Beck, den ermittelnden Kritiker seiner Theaterkrimis, in das Theater eines Intendanten, dessen Rebellion gegen den Angriff auf die Kunst- und sonstige Freiheit sehr hübsch die Wiesbadener „Solo-Diskurse“ aufgreift. Während Frank Schuster in seiner wütenden „Coronaklage“ das Virus direkt anspricht, wobei „Euterball“ und „Tentakelteufel“ noch die freundlicheren Wörter sind. Besonders gelungen ist ein Beitrag des früheren Darmstädter Oberbürgermeisters Peter Benz, den das Leben als radelnder Pensionär erst zur Lektüre einschlägiger Seuchen-Literatur (Camus, Poe, Thomas Mann) führt, bevor der Text zur Satire umschwenkt und von der städtischen Krisenpolitik erzählt, wobei die eigene Partei des Pensionärs vom sanften Spott nicht verschont wird. Es gibt viele schöne Fundstücke. Das gewiss ungewöhnlichste hat nicht einen Autor, sondern ungefähr zwanzig: eine Klasse der Alice-Eleonoren-Schule, die sich für ein eigenes Theaterstück erst von Brechts „Mutter Courage“ inspirieren lassen sollte, dann aber die Szenenfolge „Mutter Coronas Courage“ entwickelt hat, unterstützt von ihrem Lehrer Alex Dreppec: Das Virus wurde zum Katalysator einer neuen Kreativität. Auch die Schüler haben sich von der Veränderung mitnehmen lassen, die viele Autoren beschreibend einkreisen, ohne sie greifen zu können. „Irgendetwas ist dauerhaft anders geworden“, schreibt Corona Schmiele am Ende ihrer Aufzeichnungen. „Was eigentlich? Ich weiß es nicht. Eines Tages wird es klarer werden.“