„Beste Bilder 11“ von Haubner/Kleinert/Schwalm (Hg.)

Das fängt ja gut an, denkt der Leser beim Blick auf das Motiv des Buchumschlags: Titelbild von „Beste Bilder 11“. Foto: Lappan-Verlag

Die besten Cartoons 2020: Viel ist passiert, wie der satirisch-ironische Rückblick auf 176 Seiten und an rund 250 Cartoons zeigt.

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. „Und jetzt?“, fragt einer der beiden jungen Männer mit Mundschutz, die gemeinsam durch die Stadt stromern. „Gießen wir uns einen hinter die Binde“, lautet die lakonische Antwort des anderen. Das fängt ja gut an, denkt wiederum der Leser beim Blick auf das Motiv des Buchumschlags.

Immerhin geht die Redewendung von der Binde zurück auf die veraltete Bedeutung von Binder oder Schlips. Nach der Arbeit lockerte der Mann den Schlips – und los ging’s. Aber heute ist der Mundschutz für alle Pflicht, und Cartoonist Miguel Fernandez spießt eine von vielen Alltagstücken der Bedeckung auf.

Aber wem beim Blick aufs Buch schon die Lust auf mehr Corona-Gags vergeht, der sollte bei Seite 97 anfangen. Dort heißt es „Was sonst noch passierte ...“. Und passiert ist viel im Jahr 2020, wie der satirisch-ironische Rückblick auf 176 Seiten und an rund 250 Cartoons zeigt. Erschienen ist der wohltuend witzige und für zwölf Euro auch wohlfeile Band bei Lappan, einer der führenden Verlage für das komische Gewerbe.

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Auch in anderen Medien fallen beim Rückblick viele kluge Worte über Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Aber die wichtigsten Ereignisse mal augenzwinkernd, mal gallig Revue passieren zu lassen, macht manches doch leichter erträglich. Natürlich vermisst man einiges, vor allem die US-Wahl und Donald Trumps bockige Weigerung, seine Niederlage einzugestehen. Das wäre eine Riesenchance für die komische Kunst, aber der Redaktionsschluss des Buches war lange vor der Wahl.

Überhaupt war 2020 „ein Jahr zum Vergessen“, wie die drei Herausgeber Antje Haubner, Wolfgang Kleinert und Dieter Schwalm in ihrem Mini-Vorwort schreiben. Sie haben aus den Einsendungen von 300 Cartoonisten die besten Zeichnungen ausgewählt; daraus wurden auch die Gewinner des „Deutschen Cartoonpreises 2020“ ermittelt.

Preisträger Uli Döring etwa lässt zwei Arbeitskollegen philosophieren: „Das Internet gibt es übrigens überhaupt nicht wirklich“, sagt der Jüngere, woraufhin ihn der Ältere verdutzt ansieht. Das gefällt dem Jüngeren: „Ich liebe diesen Gesichtsausdruck.“ Gewiss zündet Döring damit keine Lachsalve, aber er bringt den drohenden Realitätsverlust beim unentwegten Blick ins World Wide Web auf den Punkt.

Eines der großen Themen heuer war der Rassismus, wenn man die Pandemie ausblendet. Doch die Bewegung „Black Lives Matter“ kommt kaum im Buch vor – vermutlich mögen Cartoonisten keine Witze reißen über ermordete Schwarze und empörte Demonstranten. Da müsste man eher die Totschläger und Populisten satirisch aufspießen. Wie der Normalbürger auf das Thema reagiert, zeigt Til Mette in seinem Beitrag und heimste dafür den dritten Platz beim „Cartoonpreis 2020“ ein. Da bescheidet der Hausherr einem „Black Lives Matter“-Demonstranten vor der Tür nonchalant: „Ich fürchte, das Thema ist durch. Wir sind gerade bei ‚Billigfleisch‘.“

Das Rassismus-Thema trieb viele Blüten, bis hin zum Wort Mohr, das heute als diskriminierende Bezeichnung für einen dunkelhäutigen Menschen gilt. Aber das Wort verweist auch auf die Mauren, die erfahrenen Heiler. Diese Debatte spießt der Cartoonist Beck auf und zeigt einen mürrischen Asiaten in seinem Laden: „Alle regen sich über ‚Mohrenstraße‘ auf, niemand stört sich an ‚Gelber Sack‘...“. Das kann ja lustig werden, wenn sich jetzt jeder sofort verunglimpft fühlt.

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Blättern wir lieber zum Pandemie-Thema zurück, das knapp 60 Prozent des Buches ausmacht. Das Virus macht sogar den Notarzt glücklich, meint Piero Masztalerz grimmig: „Na Bingo! Endlich mal’n Herzinfarkt! Diese ganze Corona-Scheiße geht mir aber sowas von auf den Keks, ey!!“ Nur die Ehefrau ist über den rücklings hingestreckten Gatten arg unglücklich.

Lachen ist eben doch die beste Medizin gegen den Corona-Koller und allemal hilfreicher als die kruden Ideen des Koch-Verschwörers Attila Hildmann. Der bekommt im Buch natürlich auch sein Fett weg, mitsamt den „Querdenkern“.