Auf ein Wort: Patrioten

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Sprache kann missbraucht werden, indem sie bewusst dazu benutzt wird, jemandem Sand in die Augen zu streuen. Dann vernebelt sie das Verständnis oder sie transportiert ein Bild...

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. Sprache kann missbraucht werden, indem sie bewusst dazu benutzt wird, jemandem Sand in die Augen zu streuen. Dann vernebelt sie das Verständnis oder sie transportiert ein Bild von der Wirklichkeit, das diese unkenntlich macht.

Ein Beispiel dafür ist der von einer unabhängigen Jury von Sprachkritikern mit gutem Grund zum "Unwort des Jahres" erklärte Kampfbegriff "Lügenpresse".

Patrioten

Das Wort taucht bei Pegida-Sympathisanten in Verbindungen mit weiteren Wörtern auf, die geeignet sind, das Grundvertrauen in die Demokratie zu untergraben. Von Islamisierung ist die Rede - als ob es die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit nicht mehr gäbe. Stattdessen wird behauptet, diese angebliche Islamisierung gefährde gar das Abendland, bedrohe den Westen, das Alte Europa in seiner Existenz.

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Die anscheinend Guten, also diejenigen, die dieser Islamisierung entgegentreten wollen, werden als patriotische Europäer bezeichnet. Patrioten sind dem Wortsinne nach Verfechter ihres Vaterlandes, ob bloß begeisterte oder möglicherweise fanatische, das sei einmal dahingestellt.

Ursprünglich bezeichnete das zugrundeliegende griechische Wort patrós jedenfalls nur jemanden, der aus demselben Geschlecht, also derselben Familie stammt.

Diese enge Zusammengehörigkeit will so gar nicht zusammenpassen mit der Idee von Europa, die über die rein geografische Bedeutung hinaus vor allem auf der Gemeinsamkeit von Wertvorstellungen beruht.

Zu diesen wiederum gehört die demokratische Verfassung der einzelnen europäischen Staaten. Und Demokratie bietet mit der Stimmabgabe umfassende Rechte des Volkes bei der Gestaltung des Gemeinwesens Staat.

Deshalb braucht in der Bundesrepublik Deutschland auch niemand "wir sind das Volk" zu rufen. Das mit dieser Aussage gemeinte Recht, dass alle Gewalt vom Volke ausgeht ist vom Grundgesetz garantiert. Darin unterscheidet sich die heutige Situation fundamental von der im ehemaligen Unrechtsstaat DDR. Dessen Bürger skandierten völlig zu Recht "wir sind das Volk", denn sie forderten damit vor mehr als einem Vierteljahrhundert genau die Freiheit, die sie heute mit der Abgabe ihrer Stimme an der Wahlurne ausüben können.