Auf ein Wort: Anbrechen

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"Die Nacht ist um, der Tag bricht an", soll einst der Nachtwächter gesungen haben. Damit begann für ihn die Ruhezeit, während die anderen Bürger ihre Arbeit aufnahmen.

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. "Die Nacht ist um, der Tag bricht an", soll einst der Nachtwächter gesungen haben. Damit begann für ihn die Ruhezeit, während die anderen Bürger ihre Arbeit aufnahmen.

Das schöne Wort anbrechen begegnet mir in dieser Bedeutung immer seltener. Oft kommt es mir aber durch eine Liedzeile von Cat Stevens in den Sinn: "Morning has broken."

Anbrechen

Wieso bricht der Tag eigentlich an, warum genügt es nicht, dass er beginnt oder anfängt?

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Das zugrundeliegende Tätigkeitswort "brechen" hatte schon im Altgermanischen etwas Zerstörerisches an sich. Meist geht etwas entzwei, wenn es bricht - oder gebrochen wird. Das Wörtchen "an" bricht der Zerstörung allerdings die Spitze, entschärft sie also. Ein angebrochenes Bein heilt vielleicht schneller als ein gebrochenes, zumindest muss es nicht aufwendig gerichtet werden, bevor es wieder zusammenwachsen kann.

Allerdings: Einen Knacks hat das Bein natürlich schon bekommen, es ist nicht mehr belastbar und damit sehr gefährdet. Was ist nun mit unserem anbrechenden Tag? Ist er auch in Gefahr? Hätte es noch schlimmer kommen können? Natürlich nicht. Im Gegenteil: Hier heißt angebrochen, dass noch ein schöner Vorrat an Sonnenstunden vorhanden ist, dass genau jetzt die Zeit ist, all das in Angriff zu nehmen, was ich heute schaffen möchte.

Und im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Vorrat - vielleicht an Holz oder Öl zum Heizen - hat der Vorrat an Tagesstunden noch eine wunderbare Eigenschaft: Er ist nach jeder Nacht wieder zu hundert Prozent verfügbar. Für mich liegt darin der Grund, warum der Tag immer anbrechen sollte. Denn würde er bloß anfangen oder beginnen, dann würde er schließlich auch bloß aufhören oder zu Ende gehen. Damit würde ich mir das wundersame Anbrechen eines neuen Tages aber nicht vorstellen können.