Spaßige schlagartige Interaktion auf der Burg Gleiberg

Philipp Mosetter (l.) und Michael Quast warfen einen humorvollen Blick auf Grimms Märchen. Foto: Schultz

Michael Quast und Philipp Mosetter, die beiden Erzkomödianten und Wortakrobaten vom Frankfurter Volkstheater, sprachen ein großes Wort gelassen aus: „Grimms Märchen –...

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WETTENBERG. WETTENBERG. Einer der Höhepunkte des Kulturprogramms auf der Burg Gleiberg dieses Wochenende war das Gastspiel von Michael Quast und Philipp Mosetter. Die beiden Erzkomödianten und Wortakrobaten vom Frankfurter Volkstheater sprachen ein großes Wort gelassen aus: „Grimms Märchen – Eine Warnung“ hieß ihr Programm. Das korrekt platzierte Publikum im ausverkauften Burghof war hingerissen. Das Duo hatte schon vor zwei Jahren im Saal komplett abgeräumt, als sie ihre, sagen wir, Studienfassung von Goethes Faust präsentierten. Diesmal waren also die Grimms dran. Und um den Umständen Rechnung zu tragen hatten die Künstler beim Honorar Milde gezeigt, bedankte sich Dieterich Emde vom Veranstalter Kunst- und Kulturkreis Wettenberg e. V. (KuKuK).

Die beiden spielen das klassische Paar des anal überverklemmten Hochphilologen und des impulsiv affektiven Bühnentiers, letzteres natürlich Quast. Aber Mosetter ist mit seiner trügerisch soignierten, hochseriösen Erscheinung genau der Richtige für die Rolle dessen, der vorgeblich Struktur ins Ganze bringt und bewahrt, wogegen Quast immer mal woanders hinhüpft, sprachlich. So sorgen sie gleich zu Beginn für ein wahres Pointenfeuerwerk, das ihre wahre Klasse als differenzierte Komödianten belegt.

Ganz buchhalterisch sind die Märchen nummeriert, und zu Beginn korrigiert Mosetter den Kollegen sofort, erschreckend streng: „Tiefer! Das muss tiefer kommen“. Quast senkt die Stimme und spricht die Zeile nochmal. „Noch tiefer, das muss bis an die Wurzel unserer Kultur reichen!“, insistiert Mosetter. Diese schlagartige Interaktion macht auf Anhieb Spaß, denn natürlich schreckt Quast jedes Mal auf, ist verblüfft oder frustriert. „Ich würde gerne mal meine Lieblingsstelle aus dem Wolf und den sieben Geißlein vortragen,“ bittet er schuljungenhaft, was Mosetter barsch ablehnt: „Bitte weiter im Text.“

Es gibt es eine Umfrage, in der Quast das Publikum nach seinem Lieblingsmärchen befragt (Mosetter: „Nein, nein, jeden Einzelnen bitte, gehen Sie runter zu den Leuten“). Mancher nennt ein nicht-grimmsches, was Quast nutzt, um allerlei Spötteleien anzulassen („Was ist das für ein Niveau hier“), bevor er mit einem Sammelergebnis zur Bühne zurückkehrt.

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Man erfährt auch einiges, dass es Kettenmärchen gibt, zum Beispiel, in denen eine serielle Handlungswiederholung für Textfülle sorgt. Das kann Quast natürlich wunderbar in Windeseile vorführen. Überhaupt ist er der Meister der wechselnden Stimmen und erfüllt die witzigen Texte mit jeder Menge Leben. Zum Beispiel den einen, in dem alle Figuren einen Diminutiv tragen: Läuschen, Flöhchen, Mistchen und so weiter – es nimmt kein Ende, genau wie das Vergnügen. Roh schubst Mosetter ihn immer wieder in einen anderen Band – „Zurück zum Kettenmärchen, bitte“ -, womit eine herrliche Abwechslung stets die Oberhand behält. Zudem ist Mosetter ein Meister der Nuancen. Wie er etwa schlagartig aufblickt, wenn Quast etwas zu Bemängelndes sagt, ist auch ohne Text schon ein Riesenspaß.

Hier feiert die Subtilität fröhliche Urstände, könnte man sagen, ohne je den Spaß auch in Form eines Kalauers außen vor zulassen. „Der Wald“ sei ja ein Grimmsches Thema, sagt Mosetter, hier finden sich auch tief greifende Wahrheiten. „Unterholz“, zitiert er beglückt, „das ist das Dickicht des Geistes, wissen Sie“, und präsentiert noch einige andere Plattheiten todernst als geisteswissenschaftliche Erleuchtungen.

Man lernt noch allerlei mehr an diesem Abend, dass es Blattpfeifermärchen gibt etwa. Das Duo pickt aus den Originaltexten eine Reihe von Sprichwörtern heraus und präsentiert sie stolz als wissenschaftliche Trouvaillen. Das Publikum erhält auch ein auf die Anwesenden zugeschnittenes „Gleibergmärchen“ erzählt, und an einer gruseligen Stelle schaltet Mosetter nüchtern um: „Aha, langsam zeigt der Gleiberg sein wahres Gesicht.“ Man schmunzelt. Nebenher erleichtert Quast die Textlast, wenn es denn eine gibt, durch zahllose situationskomödiantische Elemente

Mit dem nötigen Ernst werden auch sachliche Aspekte erörtert, das Kammermärchen etwa. „Gemeint ist die innere Kammer einer Figur,“ doziert Mosetter, „später nannte es Freud das Unbewusste, aber wir finden Kammer genauer.“ Als reizender Running Gag bittet Quast immer wieder darum, seine Lieblingsstelle aus dem „Wolf und den sieben Geißlein“ (er meckert grandios ziegisch) vortragen zu dürfen, aber Mosetter bleibt unerbittlich. Als Zugabe darf er dann die Stelle daraus vortragen, „wo das Zicklein sich im Uhrenschrank versteckt“. Alle warten gespannt, wie es klingt, aber es kommt nur einziger Ton. Riesenapplaus.