Rheingau Musik Festival sendet zwei Konzerte auf Magenta TV

Die Geigerin Bomsori Kim bei einer Videoproduktion des Rheingau Musik Festivals. Foto: Ansgar Klostermann/RMF

Mozart erklingt aus dem Mönchs-Dormitorium von Kloster Eberbach und Bach erklingt aus einer Lagerhalle.

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OESTRICH-WINKEL. Die Online-Konzerte „All About Mozart“ und „Cameron Carpenter“, die das Rheingau Musik Festival auf Magenta TV verbreitet, lassen die Musikerinnen und Musiker auf sympathische Weise dem Publikum näher kommen, nicht nur im Spiel sondern auch im Interview, obwohl fast nur Englisch ohne Untertitel gesprochen wird. Die US-amerikanische Hornistin Sarah Willis unterhält sich entspannt mit den Solisten des Mozart-Konzerts, Bomsori Kim (Geige), Ana de la Vega (Flöte) und Nils Mönkemeyer (Bratsche). Der Organist Cameron Carpenter aus den USA erzählt von seinen Intentionen, die große Orgelmusik näher an ein Publikum zu bringen, dem diese nicht vertraut ist. Marsilius von Ingelheim, Geschäftsführer des RMF, hatte die Idee, mit Klassik auf dem T-Online-Kanal ein jüngeres Publikum zu erreichen.

Bomsori Kim interpretiert Mozarts Violinkonzert Nr. 1 B-Dur mit derselben Begeisterung, mit der sie von ihm spricht: empfindsam, spielerisch, mit herrlich leichter und präziser Bogenführung und Humor an den richtigen Stellen. Die Lebendigkeit und Wärme, mit der junge Leute in Südkorea die europäische Klassik feiern, ist ihr unmittelbar anzumerken.

Ana de la Vega entlarvt die Anekdote, Mozart habe die Flöte nicht gemocht, als von ihm selbst erfunden. Er habe verdecken wollen, dass er mit der Lieferung der Flötenkonzerte in Verzug geraten war. Wie sehr Mozart die Flöte in allen ihren musikalischen Möglichkeiten kannte und schätzte, zeigt Vega in ihrem ruhigen, abgeklärten, aber auch packend körperbetonten Spiel von feuriger Glut.

Nils Mönkemeyer spielt die Fassung von Mozarts Klarinettenkonzert für Bratsche. In dunkler Lage kann die Bratsche leicht an die Stelle der Bassettklarinette in Mozarts Original treten. Wunderbar weich setzt dazu das Württembergische Kammerorchester Heilbronn, dirigiert von Benjamin Reiners, ein, das überhaupt sehr kompetent und organisch mit den Solisten konzertiert. Mönkemeyer entfaltet über dem schlanken Orchesterklang ein gesangliches, manchmal innig klagendes Spiel. Sarah Willis legt mit kubanischen Musikern als Zugabe sehr lässig einen Mambo über die „Kleine Nachtmusik“ hin.

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Eine Entdeckung des Mozart-Konzerts ist das Mönchs-Dormitorium von Kloster Eberbach. Der wunderschöne gotische Saal bietet einem Kammerorchester in gebotenen Abständen eine gute Akustik mit rundem, vollem Klang. Technik stört überhaupt nicht, obwohl die Kameraführung ruhiger sein könnte, da sich Schnitte zu oft wiederholen. Unterlegte Musik unter den Gesprächen entlarvt sich allerdings als billig, auch wenn junge Leute das so gewohnt sein mögen.

Furios lässt Cameron Carpenter in Rüdesheim seine Konzertorgel von der Leine, und die Kamera fliegt dabei mithilfe einer Drohne durch die geheimnisvoll ausgeleuchtete Alte Lagerhalle der Asbach-Fabrik. „Eine Maschine werden“, sagt Carpenter im Interview über sein Verhältnis zur Orgelmusik. Bach und die großen französischen Organisten der Spätromantik, César Franck und Louis Vierne, entfesseln in der Tat einen Rausch, der an den dämonischen Captain Davy Jones in Fluch der Karibik erinnert. Francks Choral Nr. 2 h-moll wäre da sogar stärker gewesen als die Musik von Hans Zimmer.

Von Dietrich Stern