Peter Härtling ist in Rüsselsheim gestorben

Peter Härtling auf einem Archivbild von 2009. Der Schriftsteller ist gestorben. Foto: dpa

Der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Härtling ist am Montag im Alter von 83 Jahren in Rüsselsheim gestorben, teilte eine Sprecherin des Verlags Kiepenheuer & Witsch in...

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WALLDORF/RÜSSELSHEIM. Weit über vierzig Jahre hatte Peter Härtling eine Radiosendung moderiert. Aber er wurde nie zum schlagfertigen, pointensicheren Schnellplauderer. Im Gegenteil. Er pflegte nachzudenken, bevor er Antworten formulierte. Zum Beispiel auf die Frage, welche Lektion in seinem Leben die schwierigste gewesen sei. Da hatte Härtling gerade seine Autobiografie "Leben lernen" veröffentlicht, er lehnte sich zurück auf der Couch in seiner Walldorfer Wohnung, ließ ein paar Gedankensekunden verstreichen, bevor er sagte: "Es war die, sich nicht erschüttern zu lassen durch gelegentliche Gemeinheiten, sondern zu lernen, auf den anderen zu achten." Dann, als habe er etwas Wichtiges vergessen, schickte er hinterher: "Und den Bestand an Freundlichkeit zu bewahren."

Peter Härtling, der am Montag nach kurzer Krankheit im Alter von 83 in Rüsselsheim gestorben ist, zählte zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Aber er wird vielen Menschen vor allem durch seine unerschütterliche Freundlichkeit in Erinnerung bleiben, durch die Aufmerksamkeit, die er seinem jeweiligen Gegenüber schenkte, durch die Achtsamkeit im Umgang. Dabei hat er selbst auch Verletzungen erlebt, er hat gelitten unter Kritiken und unter der "gepflegten Arroganz", die er im Literaturbetrieb empfand. Aber für sich hat er daraus die Lehre gezogen, anders sein zu wollen. Freundlichkeit hieß für ihn nicht falsche Harmonisierung. Der Autor hatte klare Meinungen, machte Wahlkampf für Willy Brandt, war aktiv in der Friedensbewegung, zog regelmäßig in den Wald, um gegen den Bau der Startbahn West zu protestieren.

Härtling hatte im Literaturbetrieb viele Rollen. Er war als Chef von S. Fischer in Frankfurt auch Verleger, bevor er sich 1973 zum freiberuflichen Schriftstellerdasein entschloss. Er arbeitete als Feuilletonredakteur und Kritiker, förderte Autoren und wurde gefördert, gehörte über Jahrzehnte der Darmstädter Jury "Buch des Monats" an. Als Erfinder und Moderator der Hörfunksendung "Literatur im Kreuzverhör" warb er seit 1975 auf sehr unterhaltsame Weise fürs Lesen, das für ihn ein Grundbedürfnis war. Nach den Erfahrungen von Krieg und Flucht, dem frühen Tod der Eltern "war Lesen wie Brot für mich", erinnerte er sich später. Auch als Schreiber war er immer ein Leser, "ich wurde immer wieder durchs Lesen angestoßen". Ein Hölderlin-Roman zählte zu seinen größten Erfolgen, viele seiner Bücher beschäftigten sich mit Figuren aus Literatur und Musik, die er besonders liebte.

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Den Wandel des Literaturbetriebs verfolgte Härtling in den letzten Jahren kritisch. Er empfand ihn als zunehmend kühlen Raum, beklagte die Vereinzelung des Menschen und die Rivalität, die sich im schwieriger werdenden Markt entwickele. Er selbst setzte menschliche Wärme dagegen. Die vielleicht wichtigste Botschaft aber verbreitete er in seinen Kinderbüchern, die für ihn das gleiche Gewicht besaßen wie die Werke für Erwachsene. Während junge Menschen früh zum Ehrgeiz erzogen werden, um es im Leben zu etwas zu bringen, hielt Härtling mit Geschichten von Solidarität dagegen, erzählte vom Respekt vor anderen, von der Unvoreingenommenheit gegenüber Außenseitern.

Wer seine Lesungen vor Kindern erlebt hat, war beeindruckt von der respektvollen Höflichkeit, mit der er auch seinen jüngsten Lesern begegnete. Um die zwanzig Schulen tragen seinen Namen, unter anderem in Mainz-Finthen und in Riedstadt. Wenn er zur Eröffnung eingeladen wurde, mahnte er stets: "Wenn ihr einmal nichts mehr mit meinem Namen anfangen könnt, tauft die Schule um." Dazu ist hoffentlich noch lange kein Anlass.