PEN macht auf Romanes, eine aussterbende Sprache, aufmerksam

Zum internationalen Tag der Muttersprache macht PEN auf Sprache und Kultur der Sinti und Roma aufmerksam. Autorenvereinigung ist in Darmstadt ansässig.

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DARMSTADT. (red). Der 21. Januar ist der internationale Tag der Muttersprache. Für den deutschen PEN ist das ein Anlass, auf die Sprache und Kultur der Sinti und Roma aufmerksam zu machen und für ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen in unserem Land zu werben, heißt es in einer Mitteilung der in Darmstadt ansässigen Autorenvereinigung.

„Zur Kultur in Deutschland gehört, dass wir in diesem mitten in Europa gelegenen Land reichhaltige Kulturen – im Plural – haben. Dazu zählen mehrere vom Aussterben bedrohte Sprachen, die nur von kleinen Minderheiten gesprochen werden, aber doch die Fülle des Menschseins repräsentieren, wie das Sorbische, Friesisch oder eben auch Romanes“, schreibt PEN-Präsidentin Regula Venske. „Anstatt auf einem angeblichen Grundrecht, ein Schnitzel benennen zu wollen, zu beharren, sollten wir lieber anderen menschlichen Bedürfnissen Raum geben: Neugier und Lust auf Austausch mit unseren Mitmenschen, gemeinsames Trauern, gemeinsames Feiern, gemeinsames Leben. Ich bin sicher, es warten auf Romanes noch große literarische Schätze darauf, gehört und gelesen zu werden.“

Der Unesco-Atlas der bedrohten Sprachen der Welt schätzt Romanes als bedroht ein. Von der größten Minderheit Europas leben in Deutschland, 70 000 bis 150 000 Sinti und Roma.

Sinti als die größte Gruppe der Roma leben bereits seit über 600 Jahren im deutschen Sprachraum. Die Muttersprache Romanes kommt aus dem Indogermanischen und ist eine rein mündlich überlieferte Sprache. Es gibt Versuche, sie für eine einheitliche Schriftsprache zu standardisieren. In starken Familienverbänden wird Romanes als Muttersprache selbstverständlich weitergegeben. Doch in vielen Familien wurde aufgrund der Verfolgung im Nationalsozialismus die Sprache nicht gesprochen.

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Zu den historischen Hintergründen erläutert PEN-Präsidiumsmitglied Simone Trieder: „Hauptgrund ist, dass Eva Justin als Mitarbeiterin des rassenhygienischen Instituts Romanes sprach und so das Vertrauen der Roma erwarb, um die Erfassung für die ‚Zigeunerpersonalakten‘ vorzunehmen, nach denen deportiert wurde. Justin und ihr Vorgesetzter Robert Ritter entgingen der Entnazifizierung und arbeiteten beide bis 1962 unbehelligt weiter als ‚Zigeunerexperten‘ im Gesundheitsamt Frankfurt am Main. Es konnte passieren, dass im Entschädigungsverfahren Sinti und Roma wieder ihren Peinigern gegenüberstanden, um erneut ‚begutachtet‘ zu werden. So kam es dazu, dass in der Bundesrepublik in den Familien häufig Romanes nicht gepflegt wurde.“ In den 1980er Jahren gründeten sich Vereine, die den Kindern ihre Muttersprache vermittelten.