„Paradise City“: Einmal in die Zukunft Deutschlands

Zoë Becks neuer Thriller spielt in Frankfurt und „Lahnstadt“ – vielleicht eine Reminiszenz an ihre alte Heimat in Mittelhessen. Foto: Victoria Tomaschko

Es ist eine schöne neue Welt, die die Berliner Autorin und Wiesbadener Krimistipendiatin 2019 Zoë Beck in ihrem neuesten Buch bietet – auf jeden Fall mehr als eine reine...

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SOLMS/WIESBADEN. Ein Thriller soll spannend sein, natürlich. Aber er kann auch mehr sein. Das beweist das neue Buch von Zoë Beck. Hat die Berliner Erfolgsautorin mit Wurzeln in Solms (Mittelhessen) und Wiesbadener Krimistipendiatin 2019 in „Die Lieferantin“ in ein Nach-Brexit-London entführt, wo es um Drogenlieferung per Drohne ging, so bleibt sie nun mit „Paradise City“ im Lande, rückt aber weiter in der Zukunft vor.

Zoë Becks neuer Thriller spielt in Frankfurt und „Lahnstadt“ – vielleicht eine Reminiszenz an ihre alte Heimat in Mittelhessen. Foto: Victoria Tomaschko
Zoë BeckParadise CitySuhrkamp Taschenbuch,  280 Seiten, 16 Euro.

Alles läuft glatt, hat aber einen Preis: die Freiheit

Und sie entwickelt eine Geschichte, die zwar in den 2030ern spielt, aber diese Zukunft ist nicht so weit weg, als dass man von purer Science Fiction sprechen müsste. Die Dinge behalten ihren Bezug zu unserer Gegenwart, werden aber weitergedacht. So ist die Handlung glaubhaft, schärft den Blick auf das, was ist, und das, was werden kann. Freilich, es geht um Morde, um Verbrechen, aber diese spannende Tätersuche ist eingebettet in den nicht minder spannenden Entwurf einer anderen Gesellschaft.

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Zoë Becks schöne, neue Welt ist ein Deutschland, in dem die Küsten überschwemmt, weite Teile entvölkert sind; in dem Frauen das Geschehen bestimmen, ein Land ohne Bargeld, Fleischgenuss, Klimaanlage, Individualverkehr in Städten. Dafür mit tadellosem öffentlichem Nahverkehr. Die Hauptstadt heißt Frankfurt, eine Mega-City, die sich die Region einverleibt hat, inklusive „Lahnstadt“ (Reminiszenz an Becks alte Heimat und den Zusammenschluss von Gießen und Wetzlar zur glücklosen Stadt Lahn?). Und in dieser Welt arbeitet die Hauptfigur Liina (mit zwei ii) für eine Agentur, die Fake News aufdeckt – in einer Zeit, in der die öffentlich-rechtlichen Medien dem Staat hörig sind und unabhängiger Journalismus rar und gefährlich ist.

So glaubt auch niemand an einen Selbstmordversuch, als Agenturchef Yassin vor einer U-Bahn landet. Erst recht nicht, als eine weitere investigative Journalistin ermordet wird. Es beginnt eine Suche nach den Hintergründen und Tätern, die bis in höchste politische Kreise führt. Noch etwas spielt in dem Zusammenhang eine Rolle: Liina hat ihr zweites „Spenderherz“, aus ihren Stammzellen gezüchtet, was sie zum begehrten und überwachten Forschungsobjekt macht. Zwei Stränge, die zusammengeführt werden.

Die Lösung wird nicht verraten. Klar ist: „Paradise City“ bietet spannende Ermittlungen jenseits staatlicher Organe und lädt zur Gratwanderung ein: hier Gesundheit, Sicherheit, Heim, Arbeit, intakte Umwelt, gute Ernährung, beste medizinische Versorgung. Dort: Kontrollverlust, Überwachung, Selektionsmechanismen. Nun, es gibt Menschen, die jene sie kontrollierende implantierte Gesundheitsapp „KOS“ ablehnen, was ihnen Nachteile beschert. Sie leben daher „außerhalb“ in einer prekären Parallelgesellschaft. Denn: Wer nichts zu verbergen hat, der hat ja auch nichts zu befürchten ...

Fazit: „Paradise City“ ist ein Thriller. Zum einen. Zum anderen ist es ein Buch, bei dem man sich selbst unweigerlich zwei Fragen stellt: Wie würde ich selbst leben wollen – und was wünsche ich für meine Kinder und Enkel?