Orphil-Lyrikpreis für Marion Poschmann und Eva Maria Leuenberger

Die Lyrikerinnen Eva Maria Leuenberger (links) und Marion Poschmann bei der Orphil-Verleihung in Wiesbaden. Foto: Volker Watschounek

Auflösung ist auch keine Lösung. Diese Erkenntnis eint die beiden Lyrikerinnen Marion Poschmann und Eva Maria Leuenberger. Beiden wurde zudem der Orphil-Lyrikpreis 2020 verliehen.

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WIESBADEN. Im Ausnahmezustand treffen sich Lyrik und die Auszeichnung derselben. Für das Gedicht trifft der sprachliche Ausnahmezustand immer zu – für eine Preisverleihung, wie die des Orphil-Lyrikpreises in Wiesbaden, hoffentlich nur in diesem coronabedrängten Jahr 2020: eben nicht wie gewohnt zum Juni-Geburtstag des an George Konell erinnern sollenden Preises (gestiftet von seiner Witwe), sondern auf den Termin des 15. September verschoben ins große Kulturforum für ausreichenden Abstand der Stühle und ausgeführt mit berührungsloser Urkunden- sowie Blümchen-Überreichung. Alf Mentzer, souveräner Moderator des Abends, machte auf die „Ausnahme“-Koinzidenz von Gegenstand und dessen Ehrung aufmerksam.

Und doch ist just dieses Jahr 2020 für beide zu ehrenden Lyrikerinnen ein höchst erfolgreiches. Neben dem Wiesbadener Orphil-Preis, dotiert mit 10 000 Euro, erhält Marion Poschmann heute den mit 20 000 Euro höchstdotierten Hölty-Preis in Hannover und war Eva Maria Leuninger, prämiert mit dem Debütpreis (2 500 €), bereits Anfang des Jahres mit dem Basler Literaturpreis geehrt worden. Ihr Gedichtband „dekarnation“ (Entfleischung) hat in seiner kompromisslosen Sprachreduktion zum Verhältnis Mensch und Natur für Furore gesorgt, so wie Marion Poschmanns Publikation „Nimbus“ (dunkle Wolke) subkutan ironisch eine „Rettung des Weltklimas aus /dem Geist der deutschen Ode“ versucht und sowohl poetologisch wie realistisch fragt: „… haben wir uns da nicht etwas viel vorgenommen?“

Sie verarbeitet literarisch versiert Elementares aus Ideen- und Naturgeschichte mit leichter Hand, während Eva Maria Leuenberger, die Debütpreisträgerin aus der Schweiz, in ihrem zyklischen Langgedicht und dunklen Tönen an die Grenzen von Existenz-Formen rührt, mithin auch an die der Sprache … Beider Lobreden klingen freilich gegenläufig zu den prämierten Texten: Juror Björn Jager (Hessisches Literaturforum) spricht eilends von Leuenbergers „gedanklicher Tiefbohrung“ zum „Paradoxon unserer Existenz“ und „Parforceritt durch Kulturgeschichte“, während Jurorin Beate Tröger schnell und hell über Eva Maria Poschmanns bisherige Gedicht-Titel referiert, Philosophiegeschichte in Anspruch nimmt und ihr dies alles „beim Abtauen des Kühlschranks“ in den Sinn gekommen ist.

Nach angedeuteter Überreichung der jeweiligen Preisurkunden durch Kulturdezernent Axel Imholz sitzen am Tisch (Eva Maria Leuenberger) oder stehen am Pult (Marion Poschmann) die beiden schwarz gekleideten Lyrikerinnen und bieten Beispiele aus ihren jeweiligen Gedichtbänden. Das Publikum im gut besetzten Saal hört die englischsprachigen Einschübe in Leuenbergers Zeilen und den Auflösungswunsch in Nebel und Moor; es folgt Poschmanns formversierter Oden-Folge über die changierende Glasur-Farbe Seladon (graugrün, meergrün, blaugrün), „die Farbe, die sich aus der Welt zurückzieht“ bis zum „Ermattungsfrieden“. Es eint beide Lyrikerinnen schließlich die Erkenntnis: Auflösung ist auch keine Lösung.

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Adäquat im Beethovenjahr hatte Pianist Max Klioutchnikov mit Beethoven-Sonate musikalisch in die Veranstaltung der Stadt Wiesbaden in Kooperation mit hr2-Kultur eingeführt, sie mit Chopin-Etude laufsicher in der Mitte strukturiert und mit Ligetis „Zauberlehrling“ irrlichternd abgeschlossen.