Mord zum Sonntag: Abgründe in der Münchner Vorstadt

Schick, aber kalt: Martin (Hans Löw) und Antonia Schellenberg (Victoria Mayer) haben sich nichts mehr zu sagen. Foto: BR

Der „Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn“ ist ein sehr schick eingerichtetes Familiendrama der Wohlstandsverwahrlosung

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. Die Familien Kovacic und Schellenberg wohnen wirklich todschick. In ihren Münchner Vorstadthäusern ist alles aseptisch-ästhetisch arrangiert, eingerichtet wie aus dem Magazin „Steriler Wohnen“. Nur dass manchmal Eidechsen aus dem Dach fallen, stört die Perfektion. So akkurat hier die Kulisse erscheint, so durchkomponiert ist der „Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn“ mit seinem ausgeprägten Stilbewusstsein für den Glanz der Oberfläche und die Haarrisse, die sich durch erzählerische Auslassungen darauf abzeichnen.

Das fängt schon mit dem Titel an, der dem „Nachtgebet“ entlehnt ist, in dem der für diesen Krimi entscheidende, aber eben nie ausgesprochene Schlüsselsatz lautete: „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an.“ Das Unrecht wird hier am Schulbuben Emil Kovacic verübt. Die Leiche des Jungen findet sich in der Isar, was die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) zum Einsatz nach Suburbia ruft.

Mutter Judith (Laura Tonke) beklagt zwar die eigene Hysterie, ist dabei aber ganz ruhig. Vater David (Lenn Kudrjawizki) zieht sich hinter seine Pflichten als Arzt zurück. Tochter Hannah (Lea Zoe Voss) hat zunächst mal nur Tennis im Kopf. Im Haus von Emils Kumpel Basti trägt die Advokatenmama (Victoria Mayer) auch am Feierabend High-Heels, während der Papa (Hans Löw) als Hifi-Handwerker schwermütig Löcher in die Luft stiert, wenn er den Sound seiner Boxen prüft. Kein Wunder, dass der stoffelige Junior Basti (Tim Offerhaus) erst demonstrativ Rap hört, als die Kommissare kommen, und dann noch Emils Flachbildfernseher in seine eigene Stube schleppt.

Es ist dies unübersehbar ein Familiendrama der Wohlstandsverwahrlosung, wozu das makellose Styling zunächst auch Ton in Ton passt. Man kann das eine ganze Weile interessiert betrachten, wie das ja auch Batic und Leitmayr gerne tun, weil sie ein ausgesprochenes Talent dafür haben, mal still, mal spöttisch über die Menschen zu rätseln, wenn sich Abgründe vor ihnen auftun.

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Das hilft auch hier noch eine Weile, so lange man sich noch nicht an der formalen Brillanz dieses Films sattgesehen hat. Doch irgendwann kann man dann eben nicht mehr übersehen, dass Regisseur Christopher Schier und die Autoren Stefan Hafner und Thomas Weingartner, die als Österreicher zuvor allesamt beim ORF arbeiteten, einen letztlich durch und durch konventionellen Krimi gebaut haben. Wenn die Risse endlich aufbrechen, ist der erwartbar finstere Anblick doch eher enttäuschend. Kamera und Schnitt können nicht kaschieren, was unter der Oberfläche steckt: Man kratzt am Hochglanzlack und drunter steckt nur altes Eisen.