„Mollerkoller“ findet Exil in Darmstädter Centralstation

Das Darmstädter Artistik-Duo Anne Holdik und Mitja Averhoff begeistert am Freitagabend beim Programm „Mollerkoller kompakt“ in der Darmstädter Centralstation. Foto: Karl Heinz Bärtl

Nach langer Corona-Pause gibt es eine Kompakt-Ausgabe der Kleinkunstreihe mit Künstlern aus Darmstadt

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DARMSTADT. Je fünfzig Besucher in zwei aufeinander folgenden Vorstellungen freuten sich am Freitagabend am wiedererwachten Zauber des Varietés. Rainer Bauer war mit seinem Kleinkunst-Format „Mollerkoller“ in den Saal der Centralstation umgezogen, bietet die heimelige Spielstätte im Mollerhaus, wo der Mollerkoller seit 2003 zuhause ist, doch derzeit maximal 30 Besuchern Platz.

„Von Null auf Hundert“ lautet das Motto, unter dem Bauer seine Gäste mit großer Freude begrüßt: Das Publikum, das unter gebotenem Abstand Platz genommen hatte, antwortet mit warmem Applaus. Und dann geht’s los mit dem 86. Mollerkoller unter besonderen Vorzeichen: Rainer Bauer tritt in Dialog mit seinem Alter Ego, dem Profibürokraten Herbert Faulhaber. Das Klicken seiner Kugelschreiber zelebrierend, erzählt Faulhaber in pedantischer Manier das Neueste aus dem Alltag eines Beamten.

Zauberwelt aus Licht und Poesie

Bei diesem ersten Mollerkoller seit Februar eint Rainer Bauer und sein Publikum das Glück, dass Kleinkunst auf der Live-Bühne überhaupt wieder möglich ist und dass man nach dem einstündigen Programm miteinander sprechen kann: „Wie schön, dass es den Mollerkoller wieder gibt. Kunst und Kultur haben so gefehlt“, sagen Stammbesucher.

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Die Durststrecke für alle Fans scheint überstanden. „Hoffen wir das Beste“, so Rainer Bauer. Im funktionalen Ambiente des Saals mit den weit auseinanderstehenden Stühlen lassen die Künstler Raum und Zeit schnell vergessen. Auf der Bühne entfalten sie eine Zauberwelt des Lichtspektakels, der Artistik und des poetischen Theaters, die fasziniert.

Groß ist der Beifall für das Darmstädter Zirkustheater-Duo „Elabö“. Die Akrobatik von Anne Holdik und Mitja Averhoff ist staunenswert. Eingebettet in clowneske Späße im Stil des Stummfilms, fordert sie ihren Partner zu akrobatischen Wagnissen heraus: Er ist zunächst in ein Schachspiel vertieft, doch die quirlige Dame setzt ihn in Lebensgröße Schachmatt: Zug um Zug geht’s in bravouröser Balance mit anmutiger Artistik federleicht und kraftvoll zu. Die beiden hieven einander in die Höhe, rollen kopfüber ab, zelebrieren Schulterstand und kühne Hand-auf Hand-Figuren.

Till Pöhlmann jongliert mit LED- Bällen, -Stäben und -Kegeln, so dass aus kreiselnden Requisiten sausende Lichtbilder werden. Selbstvergessen folgt das Publikum dem Wunderspiel der Farben in flirrenden Schleifen, Symbolen und Schriftzügen.

Die Darmstädter Schattenspielerin Carola Kärcher setzt als dritte Gastkünstlerin des Abends einen poetischen Akzent: Mit ihrem Hand-Figurenspiel entwirft sie im Lichtfenster ihres Miniaturtheaters eine Welt der traumhaften Schattengeschichten, charmant erzählt in französisch akzentuierter Sprache: Oh-là-là – da formen ihre Hände ein ulkiges Gesicht, eine blühende Blume, Vögel im sanften Flug, einen verwunschenen Frosch: einfach märchenhaft.