Kraftvolle musikalische Impulse

Das Main-Barockorchester Frankfurt setzte in der Johanneskirche kraftvolle musikalische Impulse. Foto: Schepp

Das Konzert des Main-Barockorchesters in der Johanneskirche erfrischte mit einer faszinierenden Programmidee und zeugte von starkem Gruppengeist und außerordentlicher Spielfreude.

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GIESSEN. Ist das etwa Johann Sebastian Bach in Verkleidung – oder doch jemand gänzlich anderes? Das Konzert des Main-Barockorchesters erfrischte mit einer faszinierenden Programmidee und zeugte von starkem Gruppengeist und außerordentlicher Spielfreude.

Das helle Holz und die moderne Ausstattung der Gießener Johanneskirche schienen einen natürlichen Kontrast zu schaffen zu den alten Instrumenten des acht-köpfigen Main-Barockorchesters, das halbkreisförmig im erhöhten Altarraum Platz gefunden hatte. Das Konzert mit dem Titel „Wer war’s? oder ‚das knifflige Problem der Zuschreibung‘“ war von einer Thematik geprägt, die sonst eher selten die Stückauswahl von Ensembles bestimmt: Im Mittelpunkt standen nämlich Werke, die zunächst die Namen von bekannten Komponisten wie J. S. Bach oder Giovanni Pergolesi getragen hatten – obwohl sie gar nicht aus deren Feder stammen.

Mit fünf ausgewählten Instrumentalwerken lieferte das Ensemble ein abwechslungsreiches Programm für wechselnde Besetzungen, das gemäß der Thematik „die richtige Zuschreibung“ und damit den rechtmäßigen Komponisten in den Vordergrund rückte; sofern man die Stücke also überhaupt schon kannte, bot das Konzert die spannende Möglichkeit, das Gehörte in völlig neuem Kontext zu erfahren – oder eben doch ganz unbekannte Seiten von barocker Musik kennenzulernen. Hier wurde die gute Entscheidung getroffen, mit einem Programmheft nicht nur über den Ablauf des Konzerts zu informieren, sondern auch den kompositorischen Hintergrund der einzelnen Werke zu beleuchten: Wieso dem Stück denn nun ein falscher Name zugeschrieben worden ist, was gerade im Kontext der titelgebenden Fragestellung eine elementare Information darstellt, wurde hier mit besonderer Sorgfalt ergründet.

Das Ensemble setzte sich aus vier Violinen, einer Bratsche und einem Cello, und der Continuo-Gruppe mit Bass und Cembalo zusammen; vollzählig eröffneten die Musikerinnen und Musiker den Abend mit einem ausladenden Concerto Armonico von U. W. van Wassenaer. Unmittelbar auffällig wurde schon zu Beginn eine einmalige Gruppendynamik innerhalb des Orchesters: Das Ensemble, das mittlerweile nunmehr 20 Jahre zusammen musiziert, verstand sich blind. Auch der für die sensible und unverstärkte Musik etwas zu üppige Hall des hohen Altarraums schien die Gruppe nicht dabei zu behindern, mit perfekt synchronem Zusammenspiel der zeitgemäß seidigen Streichinstrumente zu überzeugen. Durch klare Impulse des leitenden Violinisten Martin Jopp wurden auch abrupte Tempowechsel kontrolliert und einheitlich durchgeführt, stetiger Blickkontakt zwischen den Musizierenden sorgte für ein Gefühl von absoluter Sicherheit. Der Gesamtklang wirkte voll und ausgewogen und gestaltete sich auch in den folgenden Stücken mit wechselnden Besetzungen stets ansprechend, so etwa in Christoph Graupners Gambenkonzert, bei dem der solierende Christian Zincke in der Mitte der Gruppe Platz nahm und sein historisches Instrument mit Virtuosität und reichem Gestus exponierte.

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Dass das Ensemble überwiegend stehend musizierte, ist nicht nur für die zeitgemäße Aufführungspraxis der Musik angemessen, sondern zeigte zudem überdeutlich den körperlichen Elan der Spielenden; wie um beweisen zu wollen, dass man das live Konzertieren mindestens ebenso vermisst hatte wie das Publikum das live Zuhören, wurde das Schwungvolle der barocken Tanzsätze durch die Bewegungen der Gruppe verstärkt, die kraftvollen musikalischen Impulse, die man sich untereinander gab, machten die Musik ungemein lebendig und spannend. Kein Wunder also, dass das Publikum hingerissen war, als die Musiker mit einem euphorischen Schlussakkord den Konzertabend beschlossen.