„Klimaterroristen” ist das Unwort des Jahres 2022

Constanze Spieß, Professorin am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg, hält ein Tablet in der Hand, auf dem das "Unwort des Jahres" 2022, "Klimaterroristen", geschrieben steht.

Die „Unwort”-Jury unter Leitung der Marburger Sprachwissenschaftlerin Constanze Spieß kritisiert: Der Begriff „Klimaterroristen” diffamiert Klimaaktivisten und ihren Protest.

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Marburg. Die hitzige Debatte um aufsehenerregende Protestaktionen von Gruppen wie der „Letzten Generation”, die erst am Montag in Mainz wieder eine viel befahrene Straße blockiert hat, hat jetzt auch Eingang in die Sprachkritik gefunden: „Klimaterroristen” ist das Unwort des Jahres 2022 – das gab die Jury unter Leitung der Marburger Sprachwissenschaftlerin Constanze Spieß am Dienstag an der Uni Marburg bekannt.

Sie kritisiert dabei vor allem zwei Aspekte des Begriffes: Zum einen werde er im öffentlichen Diskurs pauschal verwendet, um Akteurinnen und Akteure, die sich für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen einsetzen, zu verunglimpfen: „Der Ausdruck wurde öffentlich gebraucht, um die Aktivist:innen und ihren Protest zu diskreditieren, sie mit Terrorist:innen gleichzusetzen und so in einen bestimmten Kontext von Gewalt zu setzen”, sagt Spieß im Gespräch. Da unter Terrorismus aber „das systematische Ausüben und Verbreiten von Angst und Schrecken durch radikale physische Gewalt” zu verstehen sei – so die Jury in ihrer Begründung – also ein deutlich schwerwiegenderes Handeln als selbst bei den Klebe- und Blockadeaktionen jener Klimaaktivisten, die auf extremere Protestformen als die friedlichen Demonstrationen der „Fridays for Future”-Bewegung zurückgreifen, handele es sich hier ganz klar um eine Diffamierung.

Ausdruck „Klimaterroristen” verschiebe Fokus der Debatte

Zum anderen werde mit dem stigmatisierenden Ausdruck „Klimaterroristen” auch gezielt der Fokus der Debatte verschoben, erklärt Spieß – „von den berechtigten inhaltlichen Forderungen hin zum Umgang mit den protestierenden Personen”. Es habe dann nur noch eine Debatte darüber gegeben, wie wir mit Straftätern umgehen. „Das Anliegen, nämlich die Klimaschutzziele zu erreichen und politische Lösungen dafür zu finden, ist in den Hintergrund getreten.”

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Insgesamt hat die Unwort-Jury im vergangenen Jahr 1476 Einsendungen mit 497 verschiedenen Ausdrücken erhalten, darunter knapp 55, die den Kriterien der Jury entsprachen. Dabei wurde 32 Mal der Begriff „Klimaterroristen” genannt, 34 Mal der Ausdruck „Klima-RAF”, den die Jury zu einem ganzen Netz ähnlich gelagerter Unwörter zählt, darunter auch „Ökoterrorismus”.

Wesentlich öfter genannt – was aber kein Kriterium ist, die mehrheitlich aus Sprachwissenschaftlern bestehende Jury entscheidet bei ihrer Wahl nicht nach Häufigkeit der Nennung – wurde der Begriff „Sozialtourismus” (74 Einreichungen), der nun auf Platz zwei gelandet ist. CDU-Chef und Oppositionsführer Friedrich Merz hatte ihn 2022 mit Bezug auf aus der Ukraine Geflüchtete verwendet, sich im Anschluss dafür jedoch entschuldigt. „Sozialtourismus” war schon 2013 zum „Unwort des Jahres” gewählt worden – aufgrund der darin liegenden Tatsachenverdrehung, die eine dem Vergnügen oder der Erholung dienende freiwillige Reisetätigkeit impliziere und zudem unterstelle, dass es den Schutzsuchenden vor allem darum gehe, vom deutschen Sozialsystem zu profitieren. „Wir haben gesehen, dass sich hier noch einmal strategisch dieses Unworts bedient wurde, um gezielt Stimmung gegen flüchtende Menschen aus der Ukraine zu machen, die Schutz vor Krieg suchen”, erläutert Spieß die Entscheidung, den Begriff erneut auf die „Unwort”-Liste zu setzen.

Ukraine-Krieg und Energiekrise beherrschende Themen

Generell waren die Felder Ukraine-Krieg und Energiekrise als beherrschende Themen des Jahres 2022 auch bei den Einreichungen der Jury dominierend – auf Platz eins hat es ein Ausdruck aus diesem Bereich dennoch nicht geschafft. Spieß sieht hier jedoch durchaus auch eine Verbindung zum Begriff „Klimaterrorismus”: „Die Klimadebatte hat nicht nur das letzte Vierteljahr geprägt, sondern war auch schon davor präsent – verbunden mit der durch den Ukraine-Krieg akut gewordenen Frage, von wo wir unsere fossile Energie bekommen.”

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Die „Unwort”-Jury will das kritische Bewusstsein für Formulierungen schärfen, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen – indem sie gesellschaftliche Gruppen diskriminieren und diffamieren oder euphemistisch, verschleiernd und irreführend sind. Die drei letzteren Punkte spielen bei dem 2022 auf Platz drei gewählten Begriff „defensive Architektur” eine Rolle: Er bezeichnet eine menschenverachtende Bauweise, „die sich gegen bestimmte, wehrlose Personengruppen (zumeist Menschen ohne festen Wohnsitz) im öffentlichen Raum richtet, deren Verweilen an einem Ort als unerwünscht betrachtet wird”, so die Begründung der Jury. Ein „Unwort”, dessen Problematik sich erst auf den zweiten Blick erschließt und das vermutlich nicht so vielen geläufig ist. Aber: „Manchmal ist es gut, auch auf die Problematik von subtilen Sprachgebräuchen hinzuweisen, die nicht so bekannt sind, aber doch viel verwendet werden”, sagt Spieß.

Die „Unwort”-Aktion gibt es seit 1991. Viele Jahre wurde das „Unwort” in Darmstadt bekanntgegeben, weil die dortige Linguistikprofessorin Nina Janich Sprecherin der Jury war. 2021 – zum „Unwort” wurde damals „Pushback” gekürt – erfolgte der Wechsel nach Marburg. Die begleitende Foto-Ausstellung findet jedoch nach wie vor in der Darmstädter Schader-Stiftung statt und soll dort am 23. März eröffnen.