Junge und alte Dame in einer

Irina Ries liebt es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, hier begleitet von Christian Keul am Klavier.  Foto: Schultz

"Vorzimmergeschichten": Sängerin und Schauspielerin Irina Ries begeistert im Gießener Astaire's in ihrem neuen Stück mit zahlreichen Stil- und Kostümwechseln.

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GIESSEN. Der Samstag war ein wichtiger Tag in der Geschichte der Stadt: Nachdem am 14. März 2020 Irina Ries im Astaire's mit "Lola Blau" die allerletzte Theatervorstellung vor dem Lockdown gegeben hatte, hatte sie jetzt Premiere mit ihrem neuen Stück "Vorzimmergeschichten", wieder mit Christian Keul am Klavier, in der Regie von Jens Ravari. Das Publikum im sehr gut besuchten Hause applaudierte nicht erst am Ende heftig. Kein Wunder, hatten Ries und Keul für den Rahmen eines Besuchs beim Arzt doch einen Riesenschwung intelligenter, witziger und mitreißender Songs zusammengetragen. Mit Bedacht, wie sich zeigte. Den füllten sie mit Handlungselementen in musikalischer Form.

"Es sollte ebenfalls ein Liederabend werden, und angefangen hatten wir bei Hildegard Knef", sagte Irina Ries bei den Proben. Geblieben ist ein Knef-Song als Auftakt des Abends, "Im 80. Stockwerk". Dann arbeiteten die beiden sich in der Vorbereitung durch die ganzen Songs durch, die ihnen geeignet erschienen. Das Duo hatte ja damals bereits mit Georg Kreislers Einmannrevue "Lola Blau" in Gießen einen glänzenden Erfolg gefeiert.

Melancholische Note

Der Atem der Geschichte war aber allenfalls in dem Wind spürbar, der durch die Tanzschule zog, wegen Hygiene. Sonst war alles ganz normal, als Christian Keul, musikalischer Leiter am Landestheater Marburg, die Bühne betrat, einen kleinen Blumentopf aufs Klavier setzte und begann, den Abend einzuleiten. Da fing das Vergnügen schon an, denn Keul, ein versierter und eleganter Pianist, legte gleichsam einen wertvollen musikalischen Teppich aus, der den aufmerksamen Zuhörer schon jetzt für sich einnahm: Es würde also sehr gute Musik zu hören geben.

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Ries öffnete mit dem Song von Hildegard Knef: "Im achtzigsten Stockwerk, in dem Haus, das es nicht gibt, wird ein Mädchen steh'n. Es wird warten auf den Mann, es wird fragen, wann, endlich wann wird er da sein?"

Mit diesem sehnsuchtsvollen Auftakt legt Ries eine melancholische Note vor, zwanglos und authentisch und zugleich packend. Man kann sich leicht auf diese Stimmung einlassen, obgleich Melancholie nicht der Tenor der Show bleibt. Ries, die mit zahlreichen Kostümwechseln mehr als gut zu tun hat, wechselt von eleganter Dame in Pelzjacke zu jungem Mädchen in Latzhose zu sehnsuchtsvoller "knefiger" Dame in Wollmantel und Kopftuch und einer Handvoll Personen hin und her. Dabei agiert sie szenisch versiert und schwungvoll und präsentiert eine reiche Auswahl an mimischen Elementen - sie hat alles drauf, was gebraucht wird. Sie illustriert nicht, sondern spielt sozusagen die Lieder, die neben ihr die Hauptattraktionen der Show sind.

Ries singt und spielt die kleinen Geschichten mit einer ansteckenden Riesenenergie. Christian Keul macht sich in ein paar der Umziehpausen selbstständig und groovt hochwertig vor sich hin, um dann dramaturgisch nahtlos zur Begleitung zurückzufinden; ein Genuss.

Die Hauptattraktion ist der Gesang. Ries, zwar nicht bestens disponiert, liefert dennoch alles mit einer großartigen intuitiven Genauigkeit ab, die den Zuhörer nur restlos erfreuen kann. So sorgfältig intoniert sie die Texte, so minutiös erarbeitet sie alle Nuancen, dass man widerspruchslos in diesen Geschichten versinkt, die das Leben auf so unnachahmlich kunstfertige Weise interpretieren und karikieren, dass man mehr als einmal unwillkürlich lachen muss.

Glanzlichter sind ein paar Kreisler-Songs, in denen es etwa um die Abnutzungen in der Ehe geht ("Man hat sich, doch man stört sich nicht", ... "erspar mir die Detailchen"), die Ries exzellent realisiert, da wird Melancholie zur konkreten Erfahrung, es sei denn, man entscheidet sich aufgrund der Kreislerschen Satire fürs Kichern. Und bei Ray Charles' "Unchain my heart" verlässt sie den Boden der Ernsthaftigkeit gleich ganz, indem sie fachgerecht ein dramatisches Operntimbre anschlägt - zum Piepen.

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Intelligente Unterhaltung

Hier nimmt man ihre exzellente Fähigkeit wahr, englische Texte makellos und sprachlich perfekt auf den Punkt zu bringen, geradezu liebevoll ist das gemacht und selten. Hinzu kommt ihre choreografische Umsetzung der Sache, die ein einziges großes Vergnügen ergibt. Nicht so gut wirkt sich die starke Spannung aus, unter der die Schauspielerin offenkundig steht, und die verhindert, dass sie gelegentlich ein bisschen Wärme ausstrahlt.

Das verhindert nicht, dass ein Titel wie "Ein Neandertaler", geschrieben vom genialen Kabarett-Komponisten Günther Neumann, zum Volltreffer wird. Da lässt sich eine vermutlich verheiratete Frau über ihre ganz konkreten häuslichen und nicht zuletzt fleischlichen Bedürfnisse aus, Hanne Wieder sang das einst mit sanfter Inbrunst. Ries trägt jede Pointe der heiteren Unkorrektheit mit Genuss vor und setzt traumhaft sicher alle Akzente ("so'n strammen Tarzan möchte ich"). Und Christian Keul findet natürlich in seiner Begleitung da genau den richtigen schaukelig-leutseligen Ton, um das Ganze erfolgreich ins Lächerliche zu bringen.

Zwischendurch ändert Ries szenengerecht ihr Alter und natürlich ihre ganze Art, sie macht nicht auf junge Frau, sie ist dann eine. Irina Ries präsentiert mit ihrem neuen Programm eine sehr intelligente Art der Unterhaltung, die keinen einzigen langweiligen Moment bringt, dafür aber reichlich geistreiche Erinnerungen. Am Ende Riesenbeifall für beide Akteure, sie müssen mehrmals rauskommen.