Jüdisches Museum: Online-Schau zum Literaturpapst

Marcel Reich-Ranicki hält mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Bühne im Hamburger Schauspielhaus nach der Verleihung des Henri-Nannen-Preises 2008 seine Bronzebüste hoch. Archivfoto: dpa

Das Frankfurter Haus zeigt im Netz 150 Schriftstellerporträts aus der Sammlung von Marcel Reich-Ranicki und Karikaturen des bekanntesten Kritikers der Bundesrepublik.

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FRANKFURT. Noch vor einem Jahrzehnt war er der Herrscher über Wohl und Wehe der Literatur, er war der Literaturpapst schlechthin. Aber nach seinem Tod 2013 ist kein unerbittlicher Kritiker, kein großer Polemiker nachgefolgt, der ihm das Wasser reichen könnte. Marcel Reich-Ranicki fehlt – auch wenn seine Urteile oft verletzend waren. Immerhin hat er die Literatur aus dem Zirkel der Experten und Bildungsbürger geholt und mit dem „Literarischen Quartett“ auch den Beruf des Kritikers in den Fernsehstuben populär gemacht.

150 Schriftstellerporträts von Goethe bis Grass

Zum 100. Geburtstag widmet ihm jetzt das Jüdische Museum in Frankfurt eine Online-Schau, die vor allem seine Sammlung von 150 Schriftstellerporträts vorstellt. Lange Jahre hingen die Blätter in Reich-Ranickis Wohnung, 2003 schenkte er sie dem Museum. Die Sammlung besteht vorwiegend aus Druckgrafiken und ist für Literatur- wie Kunstkenner ein Genuss, zeigt sie doch bedeutende Köpfe der Literatur, porträtiert von ebenso gewichtigen Künstlern. Im Zeitraffer von 250 Jahren wird auch der Wandel vom repräsentativen zum individuellen Porträt deutlich, von Goethe bis Grass.

Die kleine Online-Auswahl von rund 25 Bildern, Fotos und Objekten erzählt die dramatische Lebensgeschichte des 1920 in Polen geborenen Mannes nach, der jüdischen Glaubens war und das Warschauer Ghetto zusammen mit seiner Frau Teofila überlebte. Von ihr sind einige Blätter zu sehen, die sie im Ghetto gezeichnet hat, darunter „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“ von 1936, dessen Gedichte das junge Paar oft in dieser furchtbaren Zeit trösteten.

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Die Schau zeigt sogar die Goldene Kamera, die „MRR“, wie er oft genannt wurde, für seine Vermittlung der Literatur im Fernsehen erhielt. Doch mancher Karikaturist reagierte sich an Reich-Ranickis Grimassen ab, die er ständig schnitt, um sein Missfallen über ein Buch oder eine Meinung auszudrücken. Diese Situation hat der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in einer Zeichnung auf den Punkt gebracht. Dürrenmatt lässt den Kritiker über vielen Literatenköpfen schweben, die zu ihm aufblicken – ob sie wohl Angst vor seiner riesigen Schreibfeder haben? „Schädelstätte“ lautet der Titel des Blattes von 1980.

Diese harsche Kritik hat Reich-Ranicki tief getroffen. Er schien immer ungnädig, war aber gnadenlos ehrlich bei Lob und Tadel. Die Karikaturen haben ihm nicht geschmeichelt, die Schriftstellerporträts aber inspiriert. Nun sind Theodor Fontane und Friedrich Schiller zu sehen, daneben finden sich Reich-Ranickis Leseerinnerungen. Geradezu leidenschaftlich warb er auch für die jungen Autoren nach 1945, wie die Porträts von Heinrich Böll, Max Frisch und Günter Grass verraten. Fast logisch, dass er seine Heimat nicht in einem Land fand, sondern in der Literatur – ein sympathisches Geständnis.